Juli 2010
Albrecht und Hiltraut Link arbeiten seit Januar 2010 für das EMS in Indonesien. Hier schildern sie ihre Erfahrungen.
Heute ist ein wunderbarer Morgen, strahlender Sonnenschein, eine leichte Morgenbrise bringt angenehme Kühle in unser Arbeitszimmer herein. Hiltraut verfasst einen Beitrag zu einem Seminar, an dem wir morgen gemeinsam teilnehmen werden. Sie wurde gebeten, über das Leben und Leiden von palästinensischen Christen zu berichten. Sie kennt die Verhältnisse aus eigener Anschauung, weil sie vor vielen Jahren, als sie noch im EMS tätig war, an einer Konsultation in Jerusalem teilgenommen hat. Es ist sehr viel passiert und wir wollen schwerpunktmäßig von Jogjakarta, Mitteljava, erzählen und berichten. Dort haben wir eine Sprachschule besucht, wichtige Begegnungen gehabt und Einsichten bekommen.
Auf der Schulbank
Warum nochmals die Sprache lernen? Das wurden wir oft gefragt. Unsere Sprachkenntnisse waren „eingerostet“, ein neuer Schliff war bitternötig. Wir mussten auf den neuesten Stand kommen, denn die indonesische Sprache hat sich rasant weiterentwickelt. Oft haben bestimmte Ausdrücke und Redewendungen nur ein müdes Lächeln bei den LehrerInnen hervorgerufen: „Das ist überholt und mutet altmodisch an!“ so die Kommentare. Auch in der Grammatik gab es Lücken aufzufüllen. Wir haben vor 30 Jahren auf dem flachen Lande gelebt, wo wir dankbar waren, wenn alle Beteiligten überhaupt der indonesischen Sprache mächtig waren. Jetzt werden wir unter Studierenden leben, was ein anderes Sprachniveau erfordert. Unsere Sprachschule war exzellent: Einzelunterricht, hoch motivierte Lehrer und Lehrerinnen, eine fast familiäre Atmosphäre an der Schule. Leute aus aller Herren Länder mit verschiedenem Hintergrund. Da kamen Botschaftsangehörige mit Rucksacktouristen zusammen, Geschäftsleute mit jungen Sozialarbeitern, und dazwischen zwei Deutsche, die eigentlich zur Großelterngeneration gehörten. Was wollen denn die noch hier!? … So hatten anfangs manche junge Lehrer und Lehrerinnen Schwierigkeiten mit den „orang tua“ („den Alten“, Titel mit Respekt!). Aber sie konnten / mussten dann doch ihre Rolle finden und uns immer verbessern, wenn das angesagt war. Als wir die Grammatik „beackert“ haben, hatten wir die Möglichkeit, viel zu diskutieren, was ein wichtiger Punkt unserer Sprachbildung war. Außerdem konnten wir jede Woche vorschlagen, welches Fachgebiet wir vertiefen wollten.
Besondere Begegnungen
Mein Tutor war ein junger Javaner, Mitglied der ostjavanischen Kirche, dort sehr engagiert in der Jugendarbeit. Ich habe ihn Löcher in den Bauch gefragt über die Entstehungsgeschichte seiner Kirche, die Inkulturation des Evangeliums in die javanische Seele, die Bedeutung der Mystik für javanische Christen, neue Gottesdienstformen, die Auseinandersetzung mit charismatischen Strömungen in und außerhalb der Kirche und last not least, das Verhältnis zum Islam, ein „Dauerbrenner“ in Indonesien. Die Schule bot Exkursionen an und stellte dazu den Kontakt zu den Personen her, die wir besuchen wollten. Zur Vorbereitung gab es dann jeweils mehrere Artikel, damit wir uns einen genauen Überblick verschaffen und entsprechend unsere Fragen formulieren konnten.
Von zwei besonderen Begegnungen will ich erzählen.
Religion und Heilung
Der Besuch bei Sapta Dharma. Handelt es sich um eine Religion? Meines Erachtens schon, da eine Offenbarung eine zentrale Rolle spielt, auf die einzugehen aber den Rahmen sprengen würde. Der Leiter dieser Gemeinschaft ist derzeit ein Balinese, der als Richter tätig ist. Es gibt daneben geistliche Leiter, deren Tätigkeit sich auf die Lehre beschränkt. Wir haben in einem Abendgottesdienst erlebt, wie kurz die Auslegung gehalten war, danach versenkten sich die Gläubigen ins Gebet b.z.w. in die Meditation. Alle saßen auf Matten, es herrschte eine konzentrierte Stille. Wir durften abseits eine zeitlang stehen und das miterleben. Nun war für mich beim Gespräch interessant zu erfahren, dass die Gemeinschaft sich zu 95 Prozent aus Menschen zusammensetzt, die dort einmal geheilt wurden. Alle litten an mehr oder weniger schweren Krankheiten, Alte wie Junge. „Wie wird man hier geheilt?“ war meine Frage. Die Voraussetzung sei ein langes intensives Gebet (teils mehrere Stunden), sowie Fasten. Dann erklären sich aus der Gemeinschaft Mitglieder bereit, sich um die kranke Person zu setzen, zu beten und die Hand aufzulegen. Viele werden gesund, viele auch nicht. Warum letzteres so ist, kann niemand aus der Gemeinschaft erklären, sie nehmen das als gegeben hin und haben über Heilung sehr nüchtern geredet, als ob es nichts Besonderes wäre.
Fragen an uns
Also, das Phänomen der Heilung in einer anderen Religion! Das hat mich natürlich hellhörig gemacht. Danach haben mich zwei Fragen beschäftigt: Gibt es da – rein formal(!) – eine Gemeinsamkeit mit dem Christentum? Ich wurde bei meinem Nachdenken daran erinnert, dass die Jünger einmal nicht heilen konnten und Jesus ihnen antwortete: Heilung sei nur durch Gebet und Fasten möglich! Haben die meisten Kirchen etwas verloren, wenn Heilung so selten geschieht? Sind wir zu aktiv mit allem Möglichen, auch im Gottesdienst? Ist unser Gottesdienst „predigt- und liturgielastig“? Diese Frage stellt sich einer, der gerne predigt und auf Liturgie großen Wert legt! Hat die gemeinsame Stille, ja die Versenkung in Christus im Gebet, genügend Raum?
Auseinandersetzung mit dem Islam
Begegnung mit einer Lehrerin. Eines Tages stellt sie sich als die „Neue“ vor: Javanerin, aufgewachsen in Jakarta, Studium der Sprachen, verheiratet und wie man sehe, bald Mutter. Sie habe gehört, ich werde an der Christlichen Hochschule in Makassar Seelsorge unterrichten. Sie sei Muslima, habe schon einiges über Seelsorge gehört, wolle aber nun genauer wissen, was es damit auf sich hat. Ich habe das zu erklären versucht und entdeckte Ähnlichkeiten im Islam. Schließlich stellte ich die Frage, ob es denn Vergleichbares im Islam gebe. Ich würde mich brennend dafür interessieren. Am nächsten Tag brachte sie einen Artikel über islamische Seelsoge, aus dem ich viel über das Menschenbild, die Anthropologie des Islam gelernt habe und merkte, dass die Unterschiede zum Christentum darin nicht so groß sind, wie ich das erwartet hatte.
Beim nächsten Treffen betrat sie den Raum mit spitzbübischem Gesicht, zog ein Papier heraus und erklärte: „Stellen Sie sich vor, sie sind Seelsorger einer christlichen Gemeinde, ich ihr Gemeindeglied und komme mit drei Problemen zu ihnen, die ich mir hier notiert habe!“ Ich atmete tief durch und ließ ein Stoßgebet zum Himmel. Erster Fall: Jemand lebt in der Familie, wo er vorgibt, ein anderer zu sein als an seiner Arbeitsstelle. Nun beginnt ihn dieses Doppelleben zu belasten. Zweiter Fall: Christ verliebt sich in ein muslimisches Mädchen, die beiden wollen heiraten. Was nun, Herr Pfarrer?? Dritter Fall: Kleinere Diebstähle aus purer Not. Dennoch große Gewissensbisse. Klient sucht Erleichterung.
Der dritte Fall hat sich schnell als der interessanteste herausgestellt. Warum? Wir stießen nämlich im Verlauf an eine Grenze, als ich erklärte, ich würde dem Menschen im Namen Jesu die Absolution erteilen: dann entwickelte sich eine lange Diskussion über Vergebung von Schuld im christlichen Sinne, was sie als Muslima sehr befremdlich anmutete. Im weiteren Unterricht habe ich dann die Frage angeschnitten, wie sie das Verhältnis von Christen und Muslime sieht. Sie hat als Vertreterin des moderaten Islam deutlich erklärt, dass sie jegliche Art von Gewalt ablehnt. Dann erzählte sie folgende Episode aus ihrem Leben:
Sie war gerade dabei, ihr Abitur in Jakarta abzulegen, als die Suharto-Ära zu Ende ging. Chaos herrschte in der Hauptstadt. An vielen Tagen war der Schulbesuch überhaupt nicht möglich. Da kam die Nachricht, eine muslimische Schlägertruppe wolle in ihrem Viertel Christen verprügeln. Alle bekamen es mit der Angst zu tun. Da die Christen und Muslime ein gutes Zusammenleben pflegten, machte sich Ratlosigkeit breit. Was jetzt tun? Ein alter Muslim hatte eine geniale Idee, die muslimischen Gebetsteppiche über die Zäune zu hängen, als ob sie nach dem Waschen getrocknet würden, auf jeden Fall müssten dies alle christlichen Familien so handhaben. Gesagt, getan. Keiner verließ das Haus für mehrere Tage, und als die Truppe dann grölend durch das Viertel zog, kam niemand zu Schaden. Muslimische Solidarität in Notzeiten, kein Einzelbeispiel. Das gibt es auch und sollte bei der Diskussion vor allem in Europa nie vergessen werden. Viele Christen und Muslime pflegen ein gutes Verhältnis untereinander.
Gottesdienst und Gemeinschaft
Die Kirchengemeinde GKI Gejayan in Jogjakarta, (wer Lust hat, einfach „GKI Gejayan Jogjakarta“ im Internet eingeben; man kann vieles entdecken, auch wenn man nicht indonesisch kann.). Kaum waren wir angekommen, da tauchte die Frage auf, wo wir Anschluss an eine Kirchengemeinde finden. Wir bekamen sie in Gejayan, einer Kirchengemeinde in der Nähe unserer Unterkunft und waren sehr dankbar dafür. Unser erster Gottesdienst: Sonntagmorgen, kurz vor 10 Uhr. Wir kommen von einer Seitenstraße in einen Hof, ein Gebäude mit kleinem Geibel darauf hinweist, dass wir richtig sind. Von fünf Personen des Gottesdienst - Teams mit Handschlag begrüßt und treten ein. Hinter diesem unscheinbaren Giebel ein schlauchartiger Raum, der 800 Personen fasst. Zu Beginn ist jeder Platz besetzt. Die Gemeinde singt mit Begeisterung, dass es mir unter die Haut geht. Die Gesänge, eine Mischung von ganz traditionell bis modern mit Band. Die Predigt lebendig gestaltet, sehr anschaulich, lebensnah und sehr nüchtern, 35 Minuten! Was wir später über den Gemeindebrief erfahren: sechs Gottesdienste übers Wochenende, jeder gut besucht, insgesamt sind es 4500 Christen, die daran teilnehmen. Daneben viele Programme zum Gemeindeaufbau. Dabei sticht mir ins Auge: Weiterbildung für Kinderkirchmitarbeiter: Thema: Erzählung für 5 – 8 Jährige aus psychologischer und theologischer Sicht, intensive Hausaufgabenbetreuung für Kinder in sozial schwachen Familien, Gefängnisseelsorge eines Teams, das schwerpunktmäßig Jugendliche besucht, die an die Nadel gekommen und straffällig geworden sind. Gebetskreise, Hausgottesdienste, Gesundheitsdienst für Jedermann im Hof der Kirche an einigen Vormittagen der Woche, Seelsorge an vier Vormittagen der Woche durch die Pfarrer und Pfarrerinnen, die das als ihr wichtigstes Geschäft unter der Woche betrachten – Ich kam aus dem Staunen nicht heraus.
Zwei Dinge bewegen mich. Die Rolle, die der Besuch des Gottesdienstes einnimmt. Das ist nicht nur in dieser Gemeinde so, sondern mehr oder weniger überall im Land. Was ist in Europa los, dass der Gottesdienstbesuch ein so schlechtes Image hat und viele Christen der Meinung sind, man meide ihn besser? Liegt das vorwiegend an den Pfarrern und Pfarrerinnen?
Hier bleibt zusammen, was zusammengehört, Gottesdienst und Gemeinschaft, Verantwortung füreinander und miteinander, auch für die Verhältnisse vor Ort.







