Dezember 2010
Albrecht und Hiltraut Link arbeiten seit Januar 2010 für das EMS in Indonesien. Hier schildern sie ihre Erfahrungen.
Wie sich doch vieles ähnelt. Alle leiden hier unter dem Weihnachtsstress, auch wenn er sich ganz anders gestaltet als in Europa. Hier gleicht es einem Gottesdienstmarathon, der schon Anfang Dezember beginnt. Jeder Gemeindekreis, jede Bevölkerungs- oder Jugendgruppe feiert eigene Weihnachten. Wie viele es allein an der Hochschule waren, entzieht sich unserer Kenntnis, weil wir irgendwann mit dem Zählen aufgehört haben…
Hausgemeinschaft mit Einheimischen
Wir wohnen nun schon seit über einem halben Jahr auf dem Gelände der Hochschule. Fangen an Wurzeln zu schlagen und fühlen uns wohl in unserem Haus. Zur Hausgemeinschaft gehören drei weitere Personen, zwei Studentinnen und ein Student, die wir vorstellen möchten.
Abdon stammt aus den Bergen von Westsulawesi, studiert Theologie fürs Pfarramt im dritten Semester. Sein Vater starb plötzlich an einem Asthmaanfall, als er drei Jahre alt war. Die Mutter war dann gezwungen den Hof und sieben Kinder allein durchzubringen. Alle mussten irgendwie mithelfen. Nach dem Schulbesuch verdingte sich Abdon als Arbeiter auf Kalimantan (Borneo). Mit seinem älteren Bruder hatte er vereinbart, dass er zunächst arbeitet, um sein Studium zu finanzieren. Später sollte er dann Abdons Studium finanzieren. Inzwischen ist er zwar als Grundschullehrer angestellt, aber nur auf Honorarbasis. Wie doch alle Staaten der Welt immer erfindungsreich sind, Gelder einzusparen. Doch Abdon wollte unbedingt mit dem Studium beginnen, da er inzwischen 25 Jahre alt war. Seit Juni wohnt und lebt er im Haus. Man spürt, dass er viel Lebenserfahrung hat. Seine praktischen Fähigkeiten kommen uns immer wieder zu Gute.
Ponda kommt aus derselben Region und möchte Religionslehrerin werden. Die Jüngste im Bunde, Defi, stammt aus Nordsumatra und gehört zum Stamm der Batak-Karo. Beide Studentinnen teilen sich ein geräumiges Zimmer, was hier durchaus üblich ist. Manchmal treten Probleme auf. Indonesien ist ja ein Vielvölkerstaat, und Ponda hat immer wieder Mühe, mit der Mentalität ihrer Zimmergenossin zu Recht zu kommen. Deshalb veranstalten wir ab und zu „Hauskonferenzen“, wo wir Probleme ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Hört sich ganz einfach an, gestaltet sich aber in der Praxis schwierig. Weil man in Indonesien nur sehr indirekt Kritik am Gegenüber äußert, damit niemand sein Gesicht verliert.
Gegenseitige Unterstützung
Was sie sich zu Beginn gewünscht hatten war, mittags und abends gemeinsam zu essen. Dies hat uns überrascht und gleichzeitig sehr gefreut. Hier hat sich gesellschaftlich einiges verändert: Vor 30 Jahren hatten das die Studenten, die mit uns lebten, strikt abgelehnt. Außerdem haben sie vorgeschlagen, morgens und abends gemeinsam eine Andacht mit Singen, Bibellese und Fürbittgebet zu halten. Dass die Morgenandacht um sechs Uhr stattfindet, kommt Albrecht sehr entgegen, mir, Hiltraut, dagegen überhaupt nicht. Das Frühstück nehmen wir meist nicht gemeinsam ein, zumal die orang bule (Spitznamen: „Weißhäute“) das selbst gebackene Brot des Hausherrn einer dampfenden Reisschüssel tatsächlich vorziehen.
Wir unterstützen die jungen Leute finanziell, denn die Herkunftsfamilien können das nur in beschränktem Maße leisten. Bafög ist unbekannt. An jeder Schule sind Gebühren zu entrichten. Im Gegenzug unterstützen uns die Studierenden im Haus. Defi kocht gerne, Ponda übernimmt Waschen und Bügeln, Abdon die handwerklichen und gärtnerischen Arbeiten.
Lehren zwischen den Stühlen
Wir unterrichten beide an der theologischen Hochschule in Makassar im Bachelor- und Masterstudiengang. Ich, Hiltraut, habe im letzten Semester angewandte Psychologie, Transformation von Konflikten und Kommunikation für Studierende der Theologie unterrichtet, sowie Entwicklungspsychologie für Studierende der Religionspädagogik. Im Masterstudiengang ging es um Fallstudien aus dem Bereich der Seelsorge. Wie sich vielleicht alle, die mich näher kennen, vorstellen können, ist mir die Fallarbeit am leichtesten gefallen. Der Studiengang war von zehn Teilnehmenden besucht, sodass er eine ideale Größe für Fallsupervision hatte. Die Studierenden sind seit vielen Jahren tätig als Pfarrerinnen und Pfarrer, sodass wir an wirklich spannenden Fällen aus der Gemeindepraxis arbeiten konnten. Die meisten Fälle hatten etwas mit Beziehungsproblemen und Sexualität zu tun. Mir wurde sehr deutlich, wie stark die Gesellschaft im Wandel ist, unter anderem in Bezug auf ihre moralischen Vorstellungen zu Sexualität.
Aus Erfahrung schöpfen
Für die beiden Fächer der angewandten Psychologie und Entwicklungspsychologie musste ich im letzten Semester viel arbeiten, da ich beides noch nicht unterrichtet hatte. Es war anstrengend, doch hat auch Spaß gemacht, mich in die indonesische Literatur einzuarbeiten. Ich selbst war mit dem Unterricht nicht immer so zufrieden, da ich mich fragte, ob die Themenauswahl richtig war. Hier ist Unterricht oft sehr theoretisch. Ich hatte mich bei der Themenauswahl nach meinen Vorgängern gerichtet. Doch in der Endauswertung waren die Studierenden mit der Vorlesung hochgradig zufrieden. Trotzdem möchte ich im nächsten Jahr meine Themenauswahl verändern und noch mehr an der Lebenspraxis orientieren.
Kritisiert wurde ich von den Studierenden nur dafür, dass ich nicht für genügend Disziplin gesorgt habe und nicht streng genug sei. Mein Selbstbild ist durcheinander geraten. Ich hatte immer den Eindruck, ich werde als viel zu streng erlebt. Hier hören Studierende den anderen Studierenden oft nicht zu, sodass bei Diskussionen eine große Unruhe entsteht. Denn nur was der Dozent sagt, ist wichtig. Gleichzeitig sind alle glücklich, wenn es mehr partizipatorischen Unterricht gibt. Auch daran kann man sehen, in welchem Wandel sich die Gesellschaft befindet – weg von der Hierarchie und Autoritätsgläubigkeit, doch gleichzeitig funktioniert das „ Neue“ noch nicht.
Im Bereich Konflikt und Kommunikation konnte ich auf meine jahrelangen Erfahrungen zurückgreifen, auch auf Seminare, die ich schon hier in Indonesien gehalten habe. Es hat richtig Spaß gemacht. Die eigenen Konflikterfahrungen der Studierenden waren ergreifend. Einige haben in ihrer Kindheit die gewaltsamen Konflikte in Poso, Palu und Halmahera erlebt. Somit konnten sie sehr authentisch ihre Erfahrungen schildern. Wir konnten ein Stück daran arbeiten. Uns beiden fällt immer wieder auf, wie viel Schweres die Studierenden mit sich tragen. In den nächsten Semestern kommt sicher die Aufgabe der Beratung und Seelsorge noch stärker auf uns zu.
Traumatische Erlebnisse
Bei mir, Albrecht, haben 32 Studierende das Fach zum Thema Seelsorge und Trauer belegt. Ich habe sie in kleinere Gruppe aufgeteilt, um intensiver arbeiten zu können. So war es möglich viel zu diskutieren und in Kleingruppen praktisch zu üben. Etwa 90 Prozent der Teilnehmenden hatten unmittelbare Erfahrung mit Tod und Abschied. Die Hälfte erlebte Tod infolge von tragischer Krankheit, Unfällen und Gewalt.
Wir haben gemeinsam an den Themen gearbeitet. Jederzeit durften Fragen gestellt werden. Überraschend war für die Studierenden, dass ein Pfarrer oder eine Pfarrerin nicht immer auf alle Fragen eine bündige Antwort parat hat, wie auf die Frage, ob es Gottes Wille ist, dass ein Vater umgebracht wurde? Sehr oft wollten sie meine persönliche Meinung wissen, nicht das, was in irgendwelchen Lehrbüchern steht. Das hat mich herausgefordert. Ich bin froh, dass ich eine gründliche Seelsorgeausbildung bekommen habe und schon viele Jahre Praxis in der Seelsorge habe. Da sie oft nachgefragt haben, wie ich zu dieser oder jener Auffassung gelange, musste ich auch eine theologische Begründung liefern.
Die Begleitung Trauernder war ein heißes Thema. Betroffene fühlten sich nach der Beerdigung in der Regel allein gelassen. Weder Pfarrer noch jemand vom Kirchengemeinderat hätten sie danach gefragt, wie es ihnen geht. Wir haben dann intensiv die Frage bearbeitet: Was hätte ich damals in der Trauer gebraucht? Dabei haben viele entdeckt, wie schwer es fällt, in der Seelsorge zuzuhören. Warum? Weil Pfarrerinnen und Pfarrer sonst immer reden? Oder sie meinen es zumindest, das in erster Linie tun zu müssen. Fällt es deshalb schwer, im Seelsorgegespräch den Schalter umzulegen und ganz Ohr zu werden?
Gemeinsam auf einem neuen Weg
Unsere Tätigkeit beschränkt sich nicht nur auf den Lehrbetrieb an der Hochschule. Ein Höhepunkt war ein Kurs mit 24 Pfarrerinnen und Pfarrern aus der Region Ostindonesien, die alle um die zehn Jahre im Dienst sind. Es war ein spiritueller und inhaltlicher Auffrischungskurs mit dem Schwerpunkt Predigt. Die Vorbereitung mit zwei anderen Dozenten war nicht einfach, weil sie einen vortragsorientierten Hochschulstil wollten. Doch wir wurden immer wieder von der Hochschulleitung und von verschiedenen Theologen darauf hin gewiesen: „Wir brauchen etwas Anderes.“ So haben wir in mühsamer Kleinarbeit versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden. Die Teilnehmenden waren begeistert vom Kurs, weil wir an ihren Erfahrungen ansetzten, ihnen viel Raum gaben voneinander zu lernen, zu reflektieren und neue Ziele zu entwickeln. Besonders beeindruckt hat uns alle die gemeinsame spirituelle Praxis durch Bibelteilen morgens und Meditation abends.
Inzwischen sind wir auf Bali und versuchen uns zu erholen. Wir möchten ganz herzlich danken für das Interesse an unserer Arbeit, Nachrichten, die uns erreicht haben, Fürbitten und grüßen zum Weihnachtsfest und Jahreswechsel.






