Partnerschaften
Ökumenische Partnerschaften
„Partnerschaft“ ist ein schillernder Begriff. Eine Anzeige in einem englischsprachigen Magazin zeigte unter dem Slogan „mission in partnership“ Kampfflugzeuge - Werbung eines Rüstungskonzerns! Lässt sich der Begriff vor jeden Karren spannen und für jeden Zweck missbrauchen? In der Bibel kommt das Wort selbst nicht vor, eher in Geschäftsbeziehungen. In den internationalen Diskurs wurde der Begriff von der britischen Kolonialmacht eingeführt, als abzusehen war, dass gegen Ende der Kolonialzeit eine Teilung der Macht nicht mehr zu vermeiden war. In afrikanischen oder asiatischen Sprachen ist er wörtlich kaum übersetzbar. Christen in anderen Ländern verwenden lieber Bilder der Gemeinschaft oder der Großfamilie. „Wir suchen eigentlich keine Partner, sondern Schwestern und Brüder“, sagte ein afrikanischer Kirchenführer.
Verlässliche Beziehung
Und dennoch sprechen wir von „Partnerschaften“, weil für uns ebenso anderes maßgeblich mitschwingt: So wie in Ehe und Familie Partner gleichberechtigt sind, so wie im Geschäftsleben Partner mit gemeinsamen Zielen und Interessen kooperieren und dafür verbindliche Vereinbarungen treffen, so wollen sich Menschen in ökumenischen Partnerschaften auf Augenhöhe begegnen. In einer Gesellschaft, die mehr und mehr von Patchworkfamilien geprägt ist, in einem Umfeld, in dem Freundschaften oft kurzlebig sind, drückt „Partnerschaft“ Verlässlichkeit aus, vielleicht mit einem nüchternen Realitätssinn, ohne überzogene Erwartungen. Die Suche nach einer angemessenen Sprache drückt mehr aus als einen Streit um Worte. Es geht um die Frage, was uns mit „Partnern“ in anderen Ländern und Kontinenten wirklich verbindet und was wir voneinander erwarten, ganz besonders dort, wo große sprachliche und kulturelle Unterschiede, wo ein wirtschaftliches und soziales Gefälle die Beziehung prägen.
Entwicklung und Erfahrung
„Ökumenische Partnerschaften“ sind ein junges Phänomen. Wurden innerdeutsche und europäische Verbindungen nach dem 2. Weltkrieg und in der Zeit des Kalten Kriegs geknüpft, so entstanden die ersten Partnerschaften mit Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika erst in den vergangenen drei Jahrzehnten. Moderne Kommunikationsmittel und erschwingliche Flugreisen haben die Welt zusammenrücken lassen und ermöglichen persönliche Begegnungen. So können heute in den 24 Gliedkirchen der EKD über 1.000 offizielle Partnerschaften gezählt werden. In wechselseitigen Begegnungen und Besuchen haben Menschen fremde Welten kennengelernt, haben versucht, einander über alle Missverständnisse hinweg verstehen zu lernen. Sie haben sich kundig gemacht über politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Verhältnisse, haben miteinander Gottesdienste und Feste gefeiert und haben füreinander gebetet. Dabei ist viel Vertrauen und viel interkulturelle Kompetenz gewachsen. Doch ebenso gehören schmerzhafte Lernerfahrungen dazu, Enttäuschungen und Erfahrungen des Scheiterns. Dafür kann es viele Gründe geben. Oft misslingt die Kommunikation, wenn tatsächliche Abhängigkeits– und Machtverhältnisse verschleiert und überspielt werden, oder auch wenn die andere, fremde, exotische Lebenswelt der Partner romantisierend verklärt wird. Die Rolle des Geldes erweist sich als die tückischste Falle: wenn sich eine Partnerschaft in erster Linie über Projektgelder, über „unser Projekt“ definiert, wenn unversehens ein bewusstes oder unbewusstes „zivilisatorisches Sendungsbewusstsein“ auf der anderen Seite ein problematisches „Zivilisationsverlangen“ (L. Bauerochse) hervorruft, wenn sich trotz aller Partnerschaftsrhetorik das alte Gefälle zwischen Entwickelten und zu Entwickelnden durchsetzt. In diesen Fällen ist zu fragen: Was wird tatsächlich gelernt und welche Lernprozesse werden blockiert? Mit anderen Worten: Was ist der „geheime Lehrplan“ jenseits aller Absichtserklärungen?
Gehilfen eurer Freude
Ein klares Verständnis von Partnerschaft tut deshalb Not. Die Tatsache, dass sich ökumenische Partnerschaften als Teil der weltweiten Kirche Jesu Christi verstehen, eröffnet dabei besondere Möglichkeiten und Chancen. Im biblischen Bild sind alle in unterschiedlicher Weise Glieder am Leib Christi (1. Kor. 12,12–21). In diesem Leib gibt es eine große Vielfalt an Gaben und Aufgaben, kein Glied kann größere Wichtigkeit beanspruchen als ein anderes. Wenn ein Glied leidet, leiden vielmehr alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit (1. Kor. 12,26). An anderer Stelle schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Wir sind Gehilfen eurer Freude, denn ihr steht im Glauben“ (1. Kor. 1,14). Das ist eine starke Grundlage: Wechselseitig können wir auf exemplarische Weise entdecken, wie wir am jeweiligen Ort als Christinnen und Christen leben, wie wir mit allen unseren Stärken und Schwächen das Evangelium mit Wort und Tat bezeugen und als „Salz“ und „Licht“ (Mt. 5,13–16) in die Gesellschaft hineinwirken.
Freundschaft genügt nicht
Voraussetzung ist die Bereitschaft, voneinander zu lernen, sich verwundbar zu zeigen und sich nichts vorzuspielen. Ein libanesischer Pfarrer hat dies mit einem Wortspiel ausgedrückt, das sich im Deutschen nur umschreiben lässt: „Partner“ sein heißt, „we want to be part of you“, wir wollen ein Teil von euch werden und umgekehrt. Dies setzt eine große Ehrlichkeit voraus, Hörbereitschaft ebenso wie Klarheit in den Zielen. Freundschaftliche persönliche Beziehungen, so unverzichtbar sie sind, sind auf Dauer kein Ziel in sich selbst. Sie erfordern eine sorgfältige Planung der inhaltlichen Gestaltung. Das können gemeinsame Herausforderungen sein, ob Menschenrechtsfragen, ob diakonische Programme, ob die gemeinsame Bearbeitung ökologischer Aufgaben oder auch die Gestaltung eines Musikworkshops, in dem sich ganz unterschiedliche Traditionen und Stilrichtungen wechselseitig befruchten. Das können ebenso zielgruppenorientierte Begegnungen sein: Frauen, junge Menschen, Bäuerinnen und Bauern, Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter entdecken sehr schnell zahlreiche gemeinsame Fragen, von der Kindererziehung und von Geschlechterrollen in Familie und Gesellschaft über Anbauprodukte, Kosten und Risiken bis hin zu Fragen von Armut und Reichtum, von Macht, von Konflikten und demokratischer Beteiligung. Nicht zuletzt und ganz besonders gehören dazu überraschende Entdeckungen im interkulturellen Bibellesen, weil gerade das Teilen der Bibel in einem tiefen Sinn einen solidarischen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht.
Akt der Solidarität
Und wie steht es schließlich mit der Projekthilfe, mit den vielschichtigen Erfahrungen in der Unterstützung von Dorfschulen oder von AIDS–Waisen, in der Starthilfe für Ölpalmplantagen oder der Vermarktung von Kaffee oder tausend anderer Beispiele, mit denen Partner im „Norden“ praktische Solidarität üben wollen? Wenn sich Offenheit und Transparenz auch in Enttäuschungen und Konflikten bewährt, wenn gemeinsame Interessen definiert sind, wenn über das heikle Thema Geld ohne Scheu geredet werden kann, wenn die notwendige entwicklungspolitische Kompetenz gewährleistet ist oder von Anfang an professionelle Beratung gesucht wird, dann und nur dann gelingt auch ein verantwortungsvoller und entwicklungs–relevanter Einsatz von Mitteln in Projekten. Dann und nur dann schafft Projekthilfe keine „weißen Elefanten“ und produziert keine unvermeidlichen Enttäuschungen, sondern wird zum Akt der Solidarität und zum Zeichen dafür, dass ein Glied mit dem anderen leidet und sich mit ihm freut, wenn sich neue Perspektiven der Hoffnung eröffnen.
Zitate aus: Lothar Bauerochse, „Miteinander leben lernen. Zwischenkirchliche Partnerschaften als ökumenische Lerngemeinschaften“
Partnerschaftsarbeit
Die EMS unterstützt die Partnerschaftsarbeit von Kirchen und Gruppen in der EMS–Gemeinschaft.







