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Jimmy Carter: Israels Trennmauer ist schlimmer als die Berliner Mauer

Amerikas Ex-Präsident kämpft für einen gerechten Frieden im Nahen Osten

Bericht von Christoph Gocke, der als Freiwilliger des EMS am EAPPI teilnimmt.

Ein Nebensatz ist mir noch in Erinnerung aus einer 30 Jahre alten Wahlkampfrede von Jimmy Carter. Aus jener Kampagne, die ihn 1975/76 per Zug durch die USA zum Weißen Haus nach Washington führte. Er wolle sich einsetzen für jene, “who cannot express themselves in strong terms as national politics are shaped”. Ein Halbsatz aus einer Rede, die ich gegen Ende meiner Schulzeit mal auswendig gelernt habe. Weil es ein Englisch war, das mir gefiel. Von der Rhetorik und wie vom Inhalt. Und Jahrzehnte später geht der kleine, gebeugte, 80 Jahre alte Friedensnobelpreisträger James Earl Carter jr. durch die Gänge des päpstlichen Gästehauses Notre Dame in Jerusalem um uns lebendigen Geschichtsunterricht in Sachen Friedenspolitik zu geben und zu hören, was wir zu sagen haben über die, die sich in der internationalen Politik nicht genügend Gehör verschaffen können.
Eine halbe Stunde nimmt er sich Zeit. So lange hat er kurz zuvor wohl auch mit Abu Mazen alias Mahmud Abbas gesprochen, am Tag nach dessen überwältigendem Wahlsieg als Spitze der palästinensischen Autonomiebehörde. Von dort brachte Carter die Erkenntnis mit: „Wir haben neuen Grund zur Hoffnung.“ Doch bevor er das erläutert, hört er sich das Anliegen der 13 Jerusalemer Kirchenführer an, mit denen er im großen Rund sitzt: syrisch-orthodox, russisch-orthodox, griechisch-orthodox, griechisch-katholisch, römisch-katholisch, armenisch-katholisch, armenisch, maronitisch, lutherisch, anglikanisch. Schon 1972, bei seinem ersten Besuch als Governor von Georgia, hätten die christlichen Führer von der Misshandlung des palästinensischen Volkes gesprochen und dem Versuch, die Zahl der Christen zu verringen. Das ist auch die Botschaft des lateinischen Patriarchen Michel Sabbah. Die Besetzung und Unterdrückung der Palästinenser sei die Ursache für den Terror. Zwei Völker mit drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, wollten alle den Frieden, aber keiner habe bisher einen Weg gefunden. Sabbah hält es daher für „die Pflicht der amerikanischen Regierung beiden Völkern Frieden und Sicherheit zu bringen“.
Und Carter setzt an, um mit seinem Charisma den Raum zu füllen. Die Stimme klingt vertraut von jenem Erdnuss-Farmer und Friedensförderer, der selber sieben Jahre in der US-Navy diente, in seiner Amtszeit den Umweltschutz und Minderheitenrechte voran brachte, und danach nie müde wurde, für den Frieden in aller Welt und besonders im Nahen Osten zu kämpfen. Er deutet an, im Hintergrund an den Oslo-Verträgen 1993 mitgewirkt zu haben, nennt sie „ein wirklich feines Ergebnis“. Jassir Arafat habe damals „heldenhaft“ gehandelt. Der PLO-Führer sei ein Mensch gewesen, der alles ihm mögliche für den Frieden getan habe. Obwohl er die letzten dreieinhalb Jahre in „unwürdiger Gefangenschaft“ gehalten worden sei, sei er dennoch für Gewalttaten verantwortlich gemacht worden.
Carter kritisiert andere, vor allem die jetzige US-Regierung. Sie habe ihre ehemals „faire, objektive und ausgeglichene Rolle“ in den Verhandlungen zwischen Israel und seinen Nachbarn aufgegeben. Bush beuge sich ganz dem Wunsch des israelischen Premierministers „zum Schaden der Palästinenser und zum Schaden ihrer Hoffnungen auf die Zukunft“. Darüber hinaus hätten die USA mit der Besetzung des Irak einen Tiefpunkt an „Anerkennung, Freundschaft und Bewunderung“ erreicht. Die günstigen Möglichkeiten nach dem 11. September 2001 für uneingeschränkte Unterstützung im Kampf gegen den Terror, seien so vergeben und verloren worden.
Dann zeichnet Carter seine klaren Vorstellungen von einer endgültigen Friedenslösung: Israel müsse sich von einem wesentlichen Teil der Westbank zurückziehen, die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge gelöst und die Verantwortung für Jerusalem – auch als Hauptstadt der Palästinenser - geteilt werden: „All das ist kein Ding der Unmöglichkeit.“ Es folgt lebendiger Geschichtsunterricht über seine Jahre als US-Präsident, als er 1978/79 in Camp David einen Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten zustande brachte. Sein Stolz: „Diese Verträge sind niemals gebrochen worden.“ Und: Schon damals habe sich Israel zum vollständigen Rückzug von der Westbank und aus dem Gasa-Streifen verpflichtet. „Seitdem hat sich die Situation verschlechtert.“
Das wissen die Bischöfe um ihn herum und die etwa ebenso große Zahl christlicher Friedenskräfte, die mit am Tisch sitzen, nur allzu gut. Carter hört den Freiwilligen aus Europa (Foto links) zu, die mit dem „Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel“ (EAPPI) des Weltkirchenrats (ÖRK) im Land sind und den Verlauf der Präsidentschaftswahlen in der Westbank beobachtet haben. Sie beschreiben die Schwierigkeiten, die eine Beduinen-Familie am Wahltag wie im Alltag hat, weil sie jenseits der Absperrung lebt, die Israel rund um die Westbank gebaut hat. Täglich werden sie durch die Kontrollen der israelischen Soldaten an den Übergangsstellen gedemütigt. Carter verurteilt das Bauwerk, eine Kombination aus Zaun und einer bis zu neun Meter hohen Mauer: "Wir sollten das eine Trennmauer nennen. Sie ist viel schlimmer als die Berliner Mauer. Die Berliner Mauer wurde von den Kommunisten auf ihrem eigenen Land gebaut, um die Bürger festzuhalten außerhalb der freien Welt. Diese Mauer hier wird gebaut auf palästinensischem Land."
Und wieder bedauert er, dass Präsident Bush seinen Einfluss auf den israelischen Premierminister, etwa zur Umsetzung des jüngsten Fahrplans zu einer Friedenslösung, der Road Map, nicht geltend mache. Doch der Baptisten-Prediger Carter, der Sonntag für Sonntag in seiner 650-Einwohner-Heimatgemeinde Plains in Georgia die Bibel auslegt, ist sich sicher, dass anhaltendes Gebet gepaart mit Hoffnung, Mut, Vertrauen und aktiver Unterstützung den Traum vom Frieden, von einem „Frieden in Gerechtigkeit“ Wirklichkeit werden lasse.
Und dann muss Carter schon zum nächsten Treffen. "Thank you, Mister President!" ruft der Amerikaner Jonathan Frerichs vom ÖRK in Genf noch zwischen die zusammenfahrenden Aufzugtüren im päpstlichen Gästehaus hinterher. Während im Saal der lutherische Bischof Munib Younan die ökumenischen Friedens-Begleiter noch aufruft: „Seid nicht pro-palästinensisch oder pro-israelisch! Seid für Gerechtigkeit, für Frieden und für Versöhnung!“

Mit dem Jahresprojekt 2008/2009 FrauenLeben in der Fremde – Mission und Migration richtet die EMS-Gemeinschaft den Blick auf die Situation von Migrantinnen in Ostasien und anderen Ländern. Gruppen und Einzelne sind eingeladen, sich in einer Mitmach-Aktion kreativ mit dem Thema auseinander zu setzen.
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