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Das Schweigen des menschlichen Gewissens

Eine Stimme aus Libanon

Was soll ich meiner siebenjährigen Tochter sagen, wenn sie entsetzt ist von den Nachrichten und Bildern der Zerstörung der nahen Brücken, auf denen wir vor Stunden noch fuhren; von der Verwüstung und Inbrandsetzung unseres einzigen Flughafens, wo sie vor wenigen Wochen noch fröhlich herumgesprungen ist? Was soll ich ihr sagen, wenn ein Haus und elf Menschen darin in einem Luftangriff vernichtet werden? Was soll ich ihr sagen, wenn ein zwei-jähriges Kind in einem abscheulichen Luftangriff buchstäblich in zwei Hälften geschnitten wird?

Ich schweige überwältigt! Aber ich muss meiner verängstigten Tochter etwas sagen. Ich sage ihr, sie soll sich nicht so viele Sorgen machen und es sei nur eine Frage von Tagen. Als ich mit ihr sprach, dachte ich an das bevorstehende Treffen des UN-Sicherheitsrats. Ich war so zuversichtlich, dass der Rat diesem eindeutigen und unverhältnismäßigen Konflikt ein Ende setzen würde. Ich dachte an die großen Nationen, die Mitglieder des Rates sind, mit ihrem reichen Kulturerbe und ihrem Engagement für Menschlichkeit.

Ich war völlig schockiert, traurig und enttäuscht, als der Rat keinen Standpunkt einnahm! Nicht einmal eine symbolische Resolution, um das Töten Unschuldiger in Libanon zu verurteilen und zu unterbinden. Man sagte uns, der Rat brauche Tage, die Sache zu überdenken. Ich frage mich, welches Überdenken nötig ist, wenn ein Kraftwerk zerstört, ein ziviles Auto auf dem Weg zu einem sicheren Ort bombadiert wird, und Säuglinge und Kinder die ganze Nacht hindurch wegen Bombardierung der Nachbarschaft schreien. Ich frage mich, ob diese Sicherheitsrat-Mitglieder die Konflikte und Tragödien auf dem Balkan, im Sudan, in Ruanda oder in anderen Weltteilen erlebt haben.

Ich bin an Politik nicht sehr interessiert, aber ich bin bestürzt vom Schweigen des menschlichen Gewissens. Doch hoffe ich, dass das menschliche Gewissen eines Tages geweckt wird. Ich schöpfe Mut aus der Fähigkeit der weltweiten christlichen Kirche, über Frieden zu sprechen und Seminare über Konfliktlösungen zu halten, aber ich bin enttäuscht über ihre Erfolglosigkeit beim Bemühen um wirklichen und gerechten Frieden, besonders

im arabisch-israelischen Konflikt. Gleichzeitig macht es mir Mut, zu wissen, dass viele christliche Brüder und Schwestern über unsere Situation in Libanon besorgt sind. Sie beten und ermutigen uns, trotz ihrer Hilflosigkeit Einfluss auf ihre Regierungen auszuüben.

Wir leben im West Bekaa Gebiet und die letzten sechzehn Jahren engagierten wir uns in der Erziehung zu Frieden und Toleranz mit Hunderten von Schülern und Familien, aus unterschiedlicher religiöser Herkunft. Jetzt erfahren wir wieder die Bedeutung von Hass und Krieg. Während ich diese Worte schreibe, höre ich wie israelische Kampfjets Bomben auf eine nahegelegene Brücke und mehrere Straßen werfen. Mehrere Zivilisten werden dabei getötet, die zufällig auf der Straße gingen oder fuhren. Wir sind fast isoliert, da die meisten Straßen zu anderen Groß- und Kleinstädten zerstört sind. Wir fürchten, dass in wenigen Tagen Essen, Treibstoff, Medikamente und andere rar werden, wenn die Situation sich verschlimmert und die See-, Land- und Luftwegblockaden fortgesetzt werden.

Was soll ich meiner Tochter sagen? “Meine Tochter, lass uns nicht nur für Frieden beten, sondern auch für das Erwachen des menschlichen Gewissens.”

Werden Sie mit ihr und mir gemeinsam so beten?

Revd.( Pfarrer) Dr Riad Kassis, Libanon

Übersetzung aus dem Englischen von Bernd Kuypers / wk

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