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Eine nicht alltägliche Woche in Hebron: 25. März bis 1. April 2006

Bericht von Karin Laier, die als Freiwillige des EMS am EAPPI teilnimmt.

Beschimpfungen der Siedler und Steinwürfe gegen uns Internationale und gegen die Schulkinder, die wir begleiten, gehören zum Alltag in Tel Rumeida, dem Teil von Hebron, in dem sich drei israelische Siedlungen befinden. Doch in dieser Woche haben die Attacken zugenommen. Am Samstag, 25.3. hat eine Gruppe von ca. 20 Kindern und Jugendlichen einen Internationalen zusammengeschlagen und mit einem Stein so am Hinterkopf verletzt, dass er genäht werden musste. Das Ganze geschah in der Mitte zwischen zwei Checkpoints ca. 80m vom jeweiligen Kontrollpunkt entfernt. Er schaffte es zu einem Kontrollpunkt zu gelangen, doch der Soldat versagte ihm, aufgrund der Übermacht der Angreifer, jegliche Hilfe.
Einen Tag später drangen Soldaten gegen 20.30Uhr in eine Wohnung ein. Im sich anschließenden Tumult - immer mehr Palästinenser kamen in die Wohnung, immer mehr Soldaten erschienen auf der Bildfläche, Internationale, die im selben Haus wohnen, erschienen - wurden zwei Palästinenser verletzt und eine Internationale unsanft behandelt. Polizei erschien, nahm die beiden Männer fest, die Internationale durfte mitkommen. Auf der Polizeistation wurde dann allen dreien vorgeworfen, die Soldaten attackiert zu haben. Als die Polizei das Alter der Internationalen sah (75 Jahre!) ließen sie die Anklage fallen und alle drei wurden nach Mitternacht nach Hause entlassen.
Am Dienstag, dem israelischen Wahltag, war das Militär in Alarmbereitschaft, es gab Warnungen vor Anschlägen sowohl von palästinensischer Seite als auch vom rechten Flügel der Israelis. Die Anspannung war an den Checkpoints deutlich zu spüren, doch der Vormittag verlief völlig ruhig. Gegen 12.30 Uhr kam es dann zu einem Zwischenfall am Checkpoint. Drei Männer warteten am Checkpoint, um von H1 nach H2 zu gelangen. Die Lehrerinnen der Qortobaschule passierten wie gewohnt das Tor, dies blieb offen. Ein Soldat rief den wartenden Männern etwas zu, worauf einer das Tor zuschlug. Das war Anlass für einen Soldaten auszurasten, er rannte durch das Tor zwang den Mann zu Boden und rammte ihm zweimal seinen Gewehrlauf in den Hals. Eine Internationale filmte den Zwischenfall und rief immer wieder, "I'm filming you, don't hurt him". Der Mann wurde nach H2 gebracht, schnell sammelte sich eine aufgebrachte Menge, mehr Soldaten erschienen, einer Schweizerin gelang es sich um den Verletzten zu kümmern und sich neben ihn zu setzen, doch nach einer Weile musste sie auf Anordnung der Soldaten diesen Platz verlassen. "Ärzte ohne Grenzen" erschienen und kümmerten sich um den Mann, ein palästinensischer Krankenwagen wartete vor dem Checkpoint, um den Mann mitzunehmen. Doch stattdessen erschien israelische Polizei und ein weiterer Armeejeep. Der Verletzte wurde in den Jeep verfrachtet der Jeep fuhr ab -später hörten wir, dass dem Mann vorgeworfen wurde, die Soldaten angegriffen zu haben, da nützten auch die Aussagen der internationalen Augenzeugen nichts, der Mann wurde ins Gefängnis gebracht und festgehalten.
Ausgerechnet an diesem Wahltag, fand die Ausgabe der monatlichen Essensrationen durch das Rote Kreuz statt. Männer und Jugendliche gingen mit Sackkarren durch den Checkpoint und kamen mit mehreren Paketen zurück. Die Soldaten ließen jeden Karton öffnen, tasteten den Inhalt ab, ließen Kaffeetüten und Joghurt öffnen, um den Inhalt zu kontrollieren. So zögerte sich nicht nur die Abfertigung hinaus, viele hatten Mühe nach der Inspektion alles wieder im Karton zu verstauen und mit den geöffneten Kartons den Steilanstieg zu ihren Wohnungen zu meistern.
Doch der Wahltag war noch nicht um. Während wir noch damit beschäftigt waren, Kopien vom Film über den Angriff zu machen, bekamen wir die Nachricht, dass Siedlerkinder in der Shuhadastraße Steine gegen Palästinenser und Internationale werfen. Wir machten uns auf den Weg dorthin und fanden zahlreiche Internationale und Fotografen vor, die extra für diesen Tag angereist waren. Einige Palästinenser standen mit gefüllten Einkaufstaschen in der Straße und auf der Treppe und wurden wie wir durch die Steinwürfe am Weitergehen gehindert. Die Soldaten forderten uns auf zurückzugehen, da wir die Steinwürfe provozieren würden, gingen aber nicht gegen die jugendlichen Steinewerfer vor. Uns blieb nichts anderes übrig, als zurückzugehen.
Am Mittwoch dann, gab es die üblichen Beschimpfungen und Steinwürfe von Kindern gegen uns Internationale, doch in sehr abgeschwächter Form.
Am Donnerstag ging eine Internationale die "Siedlerstufen" hinunter, als ein Siedlerauto mit zwei Frauen direkt neben ihr anhielt. Beide Frauen stiegen aus und redeten lautstark auf die Internationale ein, machten deutlich, dass sie ihrer Meinung nach diesen Weg nicht benützen dürfe. Ein Soldat kam und brachte die Internationale weg. Kurz darauf erschien eine Delegation aus den USA mit CPT (Christian Peacemaker Team) um ihren Weg auf der Shuhadastraße fortzusetzen. Wieder brachte das die Siedler auf den Plan, die diesmal mit Fotografen anrückten und lautstark dafür eintraten, dass niemand außer ihnen diese Straße benutzen dürfe. Die Soldaten forderten daraufhin die Delegation auf zurückzugehen und einen anderen Weg zu benutzen! Wieder einmal haben sich die Siedler durchgesetzt - unglaublich!
Am Freitag kam "Breaking the silence" (eine israelische Gruppe ehemaliger Soldaten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, der israelischen Öffentlichkeit zu zeigen, was in den besetzten Gebieten vor sich geht) mit einer Gruppe von Familienangehörigen, deren Kinder durch palästinensische Terroranschläge ums Leben kamen. Empfangen wurden sie von Steinewerfern der Siedler, so dass sie sogleich den richtigen Eindruck von der Situation in Hebron bekamen.
Am Samstag kam es dann zu einem schweren Zwischenfall an der Treppe zur Schule. Die Soldaten hinderten zunächst mehrere Personen von ISM (International Solidarity Movement) am Weitergehen, Polizei erschien, viele Soldaten waren zugegen. Plötzlich entspannte sich die Lage, die ISM-Leute gingen zurück Richtung Checkpoint, Polizei fuhr ab, Soldaten folgten den ISM-Leuten, so dass an den Treppen nur noch eine Internationale stand. Ein weiterer Internationaler befand sich auf dem Weg zur Schule, oberhalb seiner Kollegin. Wie aus dem Nichts erschien ein ca. 15jähriger Junge. Verdeckt durch die zugeparkte Stufe konnte er sich der Internationalen nähern und schleuderte aus kurzer Entfernung einen riesigen Stein gegen sie. Da sie ihn so spät erblickte, konnte sie keine Deckung mehr suchen. Es gelang ihr lediglich ihren Kopf mit zwei Jacken zu schützen, ehe sie der Stein traf. Der Junge warf ein zweites Mal mit einem noch größeren Stein, doch verfehlte diesmal glücklicherweise. Danach lief er die Stufen nach oben und bedrohte den zweiten Internationalen mit einem Stein, ehe er verschwand. Die Internationale wurde an der Schläfe verletzt, zwei Soldaten kümmerten sich um sie und wischten notdürftig das Blut ab. Sie musste sich im Krankenhaus mit sieben Stichen nähen lassen. Währenddessen machten die anwesenden internationalen Augenzeugen ihre Aussagen bei der Polizei. Es bleibt abzuwarten, ob etwas gegen den jugendlichen Steinewerfer unternommen werden kann.
Eine ereignisreiche Woche ist vergangen, nun stehen uns drei Wochen Schulferien der Siedlerkinder bevor. Wir rechnen damit, dass sie mit zahlreichen Attacken gegen die palästinensische Bevölkerung und uns Internationale verbunden sein werden.


Karin Laier ist tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland (EMS) als Ökumenische Friedensdienstkraft für das Programm  Ökumenischer Friedensdienst in Israel und Palästina (ÖFPI)/ Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Dieser Text gibt nur ihre persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland (EMS), Pfarrer Andreas Maurer (Verbindungsreferent Nahost) mailto:Maurer(at)ems-online.org oder beim EAPPI Communication Officer in englischer Sprache (eappi-co(at)jrol.com). Danke.

 

Mit dem Jahresprojekt 2008 FrauenLeben in der Fremde – Mission und Migration richtet die EMS-Gemeinschaft den Blick auf die Situation von Migrantinnen in Ostasien und anderen Ländern. Gruppen und Einzelne sind eingeladen, sich in einer Mitmach-Aktion kreativ mit dem Thema auseinander zu setzen.
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