Suchbegriff eingeben :
Kontakt / Impressum Kontakt / Impressum
english version english version
ins Ausland
 
 
 

Alltägliches aus Hebron

Bericht von Karin Laier, die als Freiwillige des EMS am EAPPI teilnimmt.

Hebron, die grösste Stadt der Westbank mit ca. 170000 Einwohnern, ist seit 1997 eine geteilte Stadt. 80% der Stadt sind unter Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde, genannt H1, 20% sind unter Kontrolle der israelischen Verteidigungskräfte, genannt H2.

H2, das sind grosse Teile der Altstadt mit den religiösen Stätten, der  Muslime und Juden, der Abrahamsmoschee und der Höhle von Machpela. Hier leben ca. 4500 Palästinenser und ca. 450 israelische Siedler in fünf kleinen Siedlungen, mitten unter den Palästinensern.  

Dies bringt grosse Einschnitte für die palästinensische Bevölkerung mit sich. Die äußerst militanten Siedler werden von ca. 1500 Soldaten "beschützt". Die "Schutzmassnahmen" beinhalten die Schließung von Häusern und Geschäften, das Sperren von Strassen für Palästinenser und das Errichten von zahlreichen Checkpoints. Durchgangsstrassen werden durch Betonblöcke, Zäune und Metalltüren zu Sackgassen. Die ehemals belebte Shuhadastrasse, die zum Gemüsemarkt führt, ist heute eine Geisterstrasse, nur Militaerfahrzeuge und Siedlerautos verkehren hier. Der Gemüsemarkt ist verwaist, die Häuser verlassen, entweder aus "Sicherheitsgründen" von den Israelis geschlossen, oder von den Anwohnern verlassen, weil sie die täglichen Schikanen und Uebergriffe der Siedler nicht mehr ausgehalten haben.

Heute hat sich der Gemüsemarkt auf die Strassen vor der Altstadt in H1 verlagert, hier pulsiert das Leben - der Kontrast könnte nicht stärker sein.

Die Shuhadastrasse wird von H1 kommend durch Betonquader blockiert, ehe 20m dahinter ein Checkpointcontainer die Strasse fast komplett absperrt - einzig ein ca. 80cm breites Tor befindet sich an einer Seite, durch das alle grösseren Waren gebracht werden müssen, seien es Baumaterialien oder anderes sperriges Gut, das von einem Karren vor dem Checkpoint auf einen Karren hinter dem Checkpoint umgeladen werden muss. Auch der Milchmann mit seinem Esel kann hier passieren, jedoch muss er zuvor den Esel komplett entladen.

Alle Anwohner müssen durch den Container mit dem Metalldetektor, um einzukaufen, zur Schule oder zur Arbeit zu gehen. Normalerweise geht das ganz schnell. Man betritt den Container, geht durch den Detektor und verlässt den Container. Doch manchmal sind die Kontrollen besonders scharf, Zutritt ist nur einzeln gestattet, die Türen schliessen sich vor und hinter einem, man fühlt sich wie in einem Käfig gefangen. Taschen und Ausweise werden kontrolliert und besonders junge Männern werden aufgehalten, müssen den Bauch frei machen und Hosenbeine lüpfen. So kann sich ein Weg von einigen Sekunden schnell auf 15-30 Minuten ausdehnen. Besonders am Morgen, wenn viele Menschen gleichzeitig den Checkpoint passieren müssen, kommt es ohne ersichtlichen Grund zu Wartezeiten. Wir haben erlebt, wie sich ca. 60 Menschen am Checkpoint stauten, bis es zu spät war, Schule und Arbeit pünktlich zu erreichen, danach war die Abfertigung innerhalb weniger Minuten beendet.

Etwa 200m weiter ist die Strasse für Palästinenser komplett gesperrt, da sich auf der linken Strassenseite das Beit Hadassah Settlement befindet. Genau gegenüber liegen die palästinensische Qurtubaschule und Häuser palästinensischer Familien. Lehrerinnen und SchülerInnen ist es seit 6 Jahren nicht gestattet, weitere 50m Strasse zu betreten, um die Stufen zur Schule zu erreichen. Statt dessen müssen sie, ebenso wie die Anwohner, schlechte, ausgetretene, ungesicherte Stufen und einen Trampelpfad nutzen, um die Schule und die Häuser zu erreichen. Vor langer Zeit hat die Schule einen Antrag gestellt, um die Stufen zu sanieren und abzusichern. Vor zwei Wochen begangen die Arbeiten, die Arbeiter brachten, bewacht von Soldaten und argwöhnisch von Siedlern beobachtet, Schutzgitter an und besserten die Stufen aus. Nicht einmal 1 Woche dauerte es bis die Gitter so beschädigt waren, dass die Arbeiter sie wieder entfernen mussten. Auch die neugegossenen Fundamente für die neue Absicherung wurden von Siedlern zerstört. Seit einigen Tagen ist jetzt wieder ein Schutzgitter angebracht - wie lange es wohl diesmal haelt?!

Besonders am Sabbat und an jüdischen Feiertagen sammeln sich die Siedlerkinder auf dem Weg vor der Schule oder auf der unterhalb gelegenen Strasse, beschimpfen und bespucken die Schulkinder und Lehrerinnen, bewerfen sie von der Strasse mit Dreck, Eiern und Steinen. Deshalb ist das Aufgebot an Soldaten an diesen Tagen verstaerkt und die israelische Polizei schickt eine Patrouille zum Schulschluss. Es bleibt dennoch die Anspannung und Angst vor den Siedlern, die viele Schulkinder, besonders die Erst- und Zweitklässler total verängstigen.

Die Beschimpfungen und das Steinewerfen sind nicht etwa beendet, wenn die Kinder die Treppen hinter sich gelassen haben. Einige Kinder wohnen in direkter Nachbarschaft zu einer israelischen Containersiedlung. Die Siedler(kinder) bewerfen die Häuser den ganzen Tag über mit Steinen, kommen in der Nacht zerstören Fensterscheiben und deponieren ihren Müll in den Gärten der Palästinenser. Die Polizei kommt nur noch, wenn sie von Internationalen gerufen wird, und auch dann nicht immer. Neuerdings beginnen die Siedler damit einen Garten der Palästinenser für sich zu beanspruchen, Kinder sitzen tagsüber in den Olivenbäumen, eine Frau kommt täglich, um im Garten zu arbeiten, Stacheldraht wurde von ihnen als Absperrung gespannt. Beschwerden bei der Polizei und Anzeigen blieben bis jetzt ohne Erfolg, ich denke es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Siedler ein weiteres Stück Land angeeignet haben.

Fünf Kinder zweier palästinensischer Familien zwischen 6 und 15 Jahren, müssen täglich den Weg zwischen den Containern und ihren Häusern gehen, um in die Schule und zurück zu kommen. Der Weg ist jedoch mit "razor-wire - Rasierklingendraht" versperrt. Bis vor einigen Wochen, war es so, dass ein Soldat den Kindern den Draht zur Seite geschoben hat, damit sie den Weg betreten können. Nun haben Siedler Sandsäcke und Betonteile in den Draht geworfen, so dass es selbst für Soldaten nicht mehr möglich ist, ihn zu öffnen.So sind die Kinder gezwungen, darüber zu klettern. Jeden zweiten Tag kommt es vor, dass den Kindern das Passieren total verweigert wird, sie müssen warten, bis auf Intervention von Internationalen der zuständige Soldaten seinen Vorgesetzten angerufen hat, der bestätigt, dass sie passieren können. Während der Wartezeit wächst die Gefahr, von Steinen der Siedlerkinder getroffen zu werden.

Nur die beiden Familien dürfen diesen Weg überhaupt passieren. Besucher müssen einen Weg durch einen fremden Garten, über notdürftig in Erde geschlagene Stufen, durch ein Loch in einer Mauer nehmen, um von hinten das Haus zu erreichen. Das ist sehr beschwerlich und für ältere Menschen kaum möglich.

Diesen Einschraenkungen steht die freie Bewegungsmoeglickeit fuer Siedler gegenueber, einer kleinen extremen Minderheit, die das Leben so vieler Palaestinenser taeglich zur Hoelle macht.

                       

Karin Laier ist tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland (EMS) als eine Ökumenische Friedensdienstkraft für das Programm  Ökumenischer Friedensdienst in Israel und Palästina (ÖFPI)/ Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Dieser Text gibt nur ihre persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim Evangelischen Missionswerkes in Südwestdeutschland (EMS), Pfarrer Andreas Maurer (Verbindungsreferent Nahost) mailto:Maurer(at)ems-online.org oder beim EAPPI Communication Officer in englischer Sprache (eappi-co(at)jrol.com). Danke.

 

Mit dem Jahresprojekt 2008 FrauenLeben in der Fremde – Mission und Migration richtet die EMS-Gemeinschaft den Blick auf die Situation von Migrantinnen in Ostasien und anderen Ländern. Gruppen und Einzelne sind eingeladen, sich in einer Mitmach-Aktion kreativ mit dem Thema auseinander zu setzen.
››› lesen Sie mehr
Shop / Weltladen / Medien Shop / Medien
Newsletter / Gaestebuch Newsletter
e-Cards eCards verschicken
Presse Presse
Links Stellenmarkt Sitemap