Bericht von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer über die Reise nach Südafrika vom 18. bis 26. August 2005
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Am 18. August starten wir – der Landesbeauftragte für Mission und Ökumene in Südbaden Pfarrer Walz und ich mit unseren Ehefrauen – mit dem Nachtflug von Frankfurt nach Johannesburg. Nach unproblematischem Flug mit reduziertem Schlaf haben wir in Johannesburg am Flughafen knapp drei Stunden Aufenthalt, ehe uns der Inlandsflug bei herrlichstem Wetter und klarer Sicht – Flughöhe 12.000 Meter – in die Kapregion bringt. Aus der Höhe haben wir erste Eindrücke dieses wunderbaren, aber durch unvorstellbare Trockenheit geprägten Landes. Am Flughafen von Kapstadt werden wir von Calvin Johannes, einem Reiseunternehmer, der der Moravian Church angehört, abgeholt. Die Unterbringung ist für drei Nächte in seinem eigenen Haus, das als Gästehaus eingerichtet ist, vorgesehen.
Seit Beginn meiner Tätigkeit in der badischen Landeskirche hat mich die Thematik der Apartheidpolitik brennend interessiert. In die Zeit meines Lehrvikariats fiel der Soweto-Aufstand und in die Zeit des Pfarrvikariats die Kampagne der Frauenarbeit „Kauft keine Früchte der Apartheid!“. Seit 1979 habe ich mich in der „Katakombe“, aus der später die „werkstatt ökonomie“ hervorging, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln in der Auseinandersetzung gegen die Apartheid engagiert. Deshalb war es mir ein besonderes Anliegen, bei dem Besuch in Kapstadt Robben Island kennen zu lernen, das Gefängnis, in dem Nelson Mandela von 1964 an mehr als 17 Jahre inhaftiert war, ehe er in anderen Gefängnissen untergebracht wurde. So ist es eine gewisse Enttäuschung, dass das Schiff nach Robben Island wegen des starken Seegangs (40 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit) nicht ablegen kann. Stattdessen besuchen wir die kleine Nelson Mandela-Gedenkstätte mit Museum im Hafen von Kapstadt. Die dort ausgestellten Dokumente geben einen nachhaltigen Eindruck von dem dornenreichen Weg des Widerstands gegen die Apartheid bis zur Befreiung des Landes von der Apartheid im Jahr 1990. Dass Nelson Mandela genau am 11. Februar 1990, an meinem Geburtstag, als freier Mann in Kapstadt erstmals öffentlich sprechen durfte, hat mich in besonderer Weise berührt. Der weitere Teil des Nachmittags ist von einem Besichtigungsprogramm der Strände von Kapstadt und des von tiefen Wolken verhangenen Tafelbergs bestimmt. Am Abend folgt dann die Begegnung mit verantwortlichen Leitern der Moravian Church in Südafrika, und zwar mit Angeline Swart, der Präsidentin (Verwaltungsleiterin) der Kirche, Bischof Temmert und dem Vizepräsidenten Pfarrer Lennox Mcubuse. In einem sehr intensiven und engagierten Gespräch stellen wir zunächst die Strukturen unserer beiden Kirchen gegenseitig vor und beschäftigen uns dann mit der Frage, was in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten im Augenblick die zentralen missionarischen Herausforderungen sind. Dabei wird deutlich, dass die Moravian Church vor allem durch die wachsende Armut – gerade auch unter Kirchengliedern – und durch die Ausbreitung von AIDS vor besondere Herausforderungen gestellt ist und die Mission der Tat durch intensive Begleitung von Betroffenen und durch eine glaubwürdige Umsetzung des in Matthäus 25 gebotenen Beistands für die Geringsten unter den Geschwistern Christi im Mittelpunkt steht. Menschen angesichts der Herausforderung von Armut und AIDS zu Selbstbewusstsein zu verhelfen und ihnen Kraft zum Leben zu vermitteln, ist die größte Aufgabe, vor der die Moravian Church steht. Auf die bedrängende Gegenfrage, wo denn die badische Landeskirche im Augenblick ihre größten missionarischen Herausforderungen sieht, kann nicht in gleicher Weise eine eindeutige Antwort gegeben werden, weil die gesellschaftlichen Probleme im deutschen Kontext vielschichtiger zu sein scheinen. Als besondere Herausforderungen benennen wir die Aufgabe, eine gottesdienstliche Kultur zu entwickeln, die junge Menschen anspricht, und gerade ihnen eine Beheimatung in der Kirche zu ermöglicht. Zugleich erklären wir, dass ganz spezifische gesellschaftliche Fragestellungen im Augenblick nur schwer als zentral für das Glaubenszeugnis der Kirche in Deutschland zu definieren sind. Das anregende Gespräch dieses Abends macht deutlich, dass Mission und Evangelisation als Grundaufgaben einer Kirche immer in engstem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Situation, in der die Kirche lebt, entwickelt werden müssen, dass viele missionarische Herausforderungen durch die Tagesordnung der Welt der Kirche aufgedrängt werden. Gerade bezüglich dieser Klärung der Kontextualität von Mission und Evangelisation ist der Austausch dieses Abends Gewinn bringend.
Der zweite Tag (20. August) steht ganz im Zeichen einer umfassenden Information über die Gemeindearbeit der Moravian Church. Nach einer zweistündigen Fahrt durch die ungemein reizvolle Landschaft des Hottentots Holland Naturreservats mit wundervoller Aussicht auf Kapstadt und die Berge dieses Reservats, entlang an üppigen Apfelplantagen, die einen großen Teil der Äpfel für den Export nach Deutschland produzieren, erreichen wir - begleitet von der Präsidentin und dem Vizepräsidenten der Moravian Church - die älteste Gemeinde der Moravian Church in Genadendal, gegründet vom ersten Herrnhuter Missionar in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts. Schon die Einfahrt in das Dorf lässt heimische Gefühle aufkommen, denn die Architektur der Häuser und die Anlage des Dorfes erinnert ganz an deutsche Dörfer des 18. oder 19. Jahrhunderts. Welch reiches Erbe der Herrnhuter Brüdergemeinde hier bewahrt wird, zeigt die sehr eindrucksvolle Führung durch Dr. Bali, der nicht nur für die Restaurierung der Gebäude zuständig ist, der sich nicht nur in der Pflege überkommener landwirtschaftlicher Produktionsweise Verdienste erwirbt, sondern der vor allem das Museum dieser Gemeinde – fußend auf einer Jahrzehnte langen Sammlertätigkeit – eingerichtet hat und ständig weiter entwickelt. Die Führung über das Gelände und durch das Museum lässt erkennen, in welch starker Weise Herrnhuter Tradition und insbesondere deutsche Einflüsse das Gemeindeleben in Genadendal über Jahrhunderte geprägt haben und noch heute prägen.
Weitere Gesprächspartner in Genadendal sind der Gemeindepfarrer Jumath und der frühere Gemeindepfarrer Martin Wessels, dessen Familie durch die Anti-Apartheid-Arbeit große Verdienste erworben hat, aber auch schwere Beeinträchtigung hat erleiden müssen. In den Gesprächen wird die aktuelle wirtschaftliche Situation der Moravian Church intensiv erörtert, insbesondere ihre enormen Schwierigkeiten nach der Vereinigung der beiden Diözesen und der Angleichung der Gehälter der Pfarrer in der Ostregion an die Gehälter der Pfarrer in der Westregion. Das Gespräch wird zugleich genutzt, um grundsätzliche entwicklungspolitische Fragen zu erörtern. Insbesondere wird deutlich, in welcher Weise in Südafrika Erste und Dritte Welt aufeinandertreffen und dass dieses Aufeinandertreffen wohl in keinem Staat der Welt so bedrückend eindrucksvoll erlebt werden kann.
Dies wird für uns nochmals deutlich beim Besuch der Gemeinde im zweitgrößten Township Südafrikas, in Kayelitsha. In diesem Township mit etwa einer Million Bevölkerung, von der ein großer Teil früher in Crossroads beheimatet war (in den 80er Jahren wurde diese Siedlung durch Bulldozer gewaltsam zerstört, heute ist sie wieder aufgebaut und gilt als komfortable Siedlung der Schwarzen), existiert eine kleine Gemeinde der Moravian Church mit etwa 80 Gemeindegliedern. Schon die Einfahrt in das Township Kayelitsha führt uns das Ausmaß der Armut in der schwarzen Bevölkerung Südafrikas vor Augen: unvorstellbare Wohnbedingungen in Blechhütten sind zu erkennen wie das Ausmaß der Nichtbeschäftigung der arbeitsfähigen Bevölkerung (die Arbeitslosigkeit in diesen Townships liegt bei über 40 %). Die vom African National Council (ANC) geleitete Regierung hat geplant, für alle Familien in den Townships neue Wohnungen zu bauen. Etliche dieser so genannten „Mandela-Häuser“ können wir sehen; sie sind weitaus komfortabler als die bisherigen Blechhütten. Allerdings scheint das Wohnungsbauprogramm (eine Million Wohnungen sind geplant) in seiner Wirksamkeit dadurch reduziert zu sein, dass die Landflucht weiter zunimmt und der Zustrom auch aus anderen afrikanischen Städten in den Townships für eine wachsende Armut sorgt. Die erschütternden Eindrücke von Kayelitsha kontrastieren mit den zuvor gewonnenen Eindrücken einer wunderbaren Landschaft an der Küstenstraße, die wir auf der Fahrt von Genadendal nach Kayelitsha benutzten und eines erkennbaren Reichtums in den an der Küstenstraße gebauten Villen. Ähnlichen Reichtum konnten wir zuvor schon im Strandbereich von Kapstadt wahrnehmen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht unverkennbar weiter auseinander in Südafrika; zugleich wächst eine größer werdende schwarze Mittelschicht heran, die im Augenblick bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat als weniger qualifizierte weiße Arbeitskräfte.
Eine höchst eindrucksvolle Unterbrechung dieses Besuchsprogramms der Herrnhuter Gemeinden bildet ein Besuch bei Pater Lapsley, einem anglikanischen Priester, der in Kapstadt das Zentrum „Healing of Memories“ betreibt. Der in Neuseeland geborene und aufgewachsene Lapsley war Studentenpfarrer in Südafrika, wurde 1976 nach den Unruhen von Soweto des Landes verwiesen, lebte dann in Lesotho und Zimbabwe. Wenige Wochen nach der Freilassung von Nelson Mandela wurde er Opfer eines Briefbombenattentats in Zimbabwe, bei dem er beide Hände und ein Augenlicht verlor. Nach einer intensiven medizinischen Behandlung in Australien kehrte er nach Südafrika zurück und wurde dort Mitglied der Versöhnungskommission unter der Leitung von Erzbischof Tutu. In der schwarzen Bevölkerung erlangte er durch seine Mitwirkung in der Kommission eine große Bekanntheit. Seit 1998 veranstaltet er in seinem Zentrum „Healing of Memories“ Workshops für Opfer und Täter des Apartheid-Regimes, in denen diese in geschützten Räumen die Geschichten ihrer erfahrenen und ausgeübten Gewalt erzählen, malen oder in der Form des Theaters darstellen können, in denen sie Vergebung zugesprochen bekommen und erste Schritte zu einer Heilung der durch das Apartheid-Regime erfahrenen Verletzungen gehen können. Die Begegnung mit Pater Lapsley ist mit Sicherheit der geistliche Höhepunkt dieses Tages. Zu sehen, wie ein Mensch, dem selbst schlimmstes Leid zugefügt wurde (mit zwei Metall-Handprothesen ist er heute in der Lage, einfache Verrichtungen des Alltags wieder vorzunehmen), zur Vergebung bereit und fähig ist, ist für sich schon ein Zeugnis der Versöhnungskraft des Evangeliums. Man kann sich leicht vorstellen, dass Pater Lapsley durch seine Art des Wirkens Menschen auf dem Weg der Bearbeitung ihrer Vergangenheit begleiten kann.
Zurück bleiben an diesem Tag zwiespältige und vielfältige Eindrücke:
ein wertvolles Erbe evangelischer Missionstätigkeit im Süden Afrikas, das es zu bewahren gilt,
eine Kirche, die vor großen Herausforderungen angesichts der Transformationsprozesse in der südafrikanischen Gesellschaft steht, ein überzeugendes und glaubwürdiges Zeugnis des Evangeliums durch einen schier unglaublichen Einsatz für die Versöhnungsarbeit, tiefe Eindrücke einer wunderbaren Landschaft, die wir bei herrlichem Sonnenschein genießen konnten und am Ende des Abends der erste Abschied von einigen Begleitern, die wir in den nächsten Tagen nicht mehr sehen werden.
Am Sonntag (21. August) erleben wir den Children’s Day, der einen Höhepunkt im Leben der Moravian Church in Südafrika darstellt, in der zweitältesten Gemeinde der Moravian Church. Mamre, eine Gemeinde mit etwa 4.000 Gemeindegliedern, wurde Ende des 18. Jahrhunderts gegründet. Auch hier erinnert die Siedlungsform der Gemeinde deutlich an die Struktur eines deutschen Dorfes. Überraschend ist für uns, dass im Gottesdienst dann drei Choräle gesungen werden, deren Melodien uns aus unserem Gesangbuch bekannt sind. Der Gottesdienst ist von etwa 400 bis 500 Personen besucht, davon etwa zwei Drittel Kinder, die in diesem Gottesdienst durch einen Prediger einer Pfingstkirche in besonderer Weise angesprochen werden. Die Predigt zu 1. Johannes 4 zeichnet sich durch eine Klarheit der Botschaft, ein großes Engagement des Predigers und durch eine sehr moralisierende Art aus. Besonders beeindruckend ist das gemeinsame Singen, bei dem erkennbar wird, dass dasselbe Liedgut alle Generationen der Gemeinde verbindet. Viele der noch sehr kleinen Kinder singen die Lieder, die von den Erwachsenen angestimmt werden, auswendig mit. Die durch deutsche Missionare vermittelte Tradition wird auch deutlich durch die Existenz eines Posaunenchors, in dem die Tochter des Pfarrers aktiv mitspielt. Ich habe im Gottesdienst der Gemeinde die Aufgabe, ein Grußwort der Evangelischen Landeskirche in Baden zu überbringen, das ich mit einem musikalischen Gruß verbinde, der von den Kindern begeistert aufgenommen wird. Gemeinsam singen wir in verschiedenen Sprachen „Halleluja, preiset den Herrn!“ Überschwänglich ist die Gastfreundschaft der Pfarrerfamilie Ludolf. Pfarrer Martin Ludolf zeigt uns die Gebäude der Missionsstation (eine frühere Missionsschule war kürzlich verstaatlicht worden und aus den Räumen der Schule ausgezogen), des Kindergartens und der Wirtschaftsgebäude. Überaus üppig ist das von der Pfarrfrau zubereitete Mittagessen, das von der Musik von Händels "Messias" im Hintergrund begleitet wird. Gegen Mittag brechen wir von der Missionsstation Mamre auf, um – wie zunächst geplant – an der Westküste entlang die dortige Blumenpracht zu besichtigen. Durch das kalte, regnerische Wetter haben sich die Blumen aber geschlossen, sodass nur ein eindrucksvoller, aber trüber Blick hinüber zum Tafelberg möglich ist. Eine dichte Dunstglocke des Smogs legt sich über Kapstadt. Die kalte Luft in den unteren Lagen drückt die Warmluft nach unten, sodass die Stadt im Dunst zu verschwinden scheint.
Der Abend des Sonntags ist einem Gespräch über die Zukunft der Partnerschaftsarbeit zwischen Gemeinden unserer Landeskirche und der Moravian Church gewidmet. Diese Gesprächsrunde wird zur intensivsten der Tage in Kapstadt. Unsere Gesprächspartner sind Jerome Slamat, der von 1993 bis 1996 als „fraternal worker“ in der badischen Landeskirche tätig war, der Dekan eines Kapstadter Distrikts Martin October, der 1997 die Tagung der Landessynode besucht hatte, und Ronny Smith, der Leiter des Partnerschaftskomitees der Moravian Church. In eindrucksvoller Weise legt Jerome Slamat dar, wie ihn die Tätigkeit in der badischen Landeskirche geprägt hat, wie er seinen Einsatz in einer Region und im Evangelischen Oberkirchenrat in der Kopplung an einen konkreten emeindeauftrag als sinnvoll erlebt hat und wie fruchtbar dieser Deutschlandaufenthalt für seine weitere Arbeit in Südafrika geworden ist. Dieser Beitrag von Jerome Slamat ist eine starke Ermutigung, die Entsendung von „fraternal workers“ in unserer Landeskirche weiterhin zu betreiben. Allerdings weist auch Jerome Slamat darauf hin, dass ausreichende Deutschkenntnisse vor Beginn des Einsatzes unbedingt erworben werden müssen, um den Start in der Arbeit zu erleichtern.
Schwerpunkt des abendlichen Gesprächs ist dann die Klärung der Randbedingungen für gelingende Gemeindepartnerschaften. Zu diesem Gespräch finden sich auch noch drei Frauen aus der Gemeinde Kayelitsha ein, die wir am Vortag im Rahmen der Begegnung mit dieser Gemeinde getroffen hatten. Die Gesprächspartner sind sich einig, dass man die Gemeindepartnerschaften nicht durch zu hohe Erwartungen hinsichtlich ihres Beitrags zu politischem und gesellschaftlichem Engagement überfordern dürfe, dass andererseits aber Mindeststandards für solche Partnerschaften formuliert werden müssten – als da sind:
regelmäßige Korrespondenz, regelmäßige Partnerschaftsgottesdienste mit derselben Liturgie und denselben Predigttexten, wenn möglich ein Austausch über die Auslegung von Bibeltexten
und das gegenseitige Anteilnehmen in der Fürbitte bzw. in der Mitteilung an die Partnergemeinde über Anliegen, die in die Fürbitte aufgenommen werden.
Jedenfalls besteht Einmütigkeit darüber, dass auf beiden Seiten eine Klärung darüber herbeigeführt wird, welche Partnerschaften derzeit noch lebendig, welche bereits beendet sind und welche unter den geänderten politischen Bedingungen nun beendet werden sollten. In jedem Fall sollte eine Partnerschaft, die unter anderen politischen Rahmenbedingungen begonnen wurde, nicht um jeden Preis fortgeführt werden, wenn es nicht Menschen gibt, die sich in den Gemeinden dieser Partnerschaft annehmen.
Einigkeit besteht auch in der Feststellung, dass es eine Überforderung für die Gemeinden darstellt, eine solche Partnerschaft zum Anliegen der ganzen Gemeinde zu machen. Die Zuständigkeit für eine solche Partnerschaft wird immer bei einigen wenigen Engagierten liegen, die ihr Anliegen dann in die Gemeinde hinein zu vermitteln haben. Wohltuend an dieser Gesprächsrunde ist die Klarheit und die realistische Einschätzung, mit der die Chancen und Grenzen der Partnerschaftsarbeit erörtert werden. Gerade in dieser realistischen Einschätzung liegt eine hohe Ermutigung, besonders für die Frauen von Kayelitsha, aber auch für die Weiterführung von Partnerschaftsarbeit zwischen den Gemeinden der beiden Kirchen.
Mit einem gemeinsamen Gebet und dem Segen für die weite Reise nehmen wir Abschied von unseren Kapstadter Gastgebern, beeindruckt von der großen Gastfreundschaft, der Intensität der Gespräche und der Klarheit, mit der die Leitung der Moravian Church immer wieder die Diskussionspunkte am Ende unserer Gespräche bündelt und auf konkrete Handlungsoptionen hin zusammenfasst. So haben wir das Gefühl, dass viele unserer Gespräche zielgeleitet geführt werden und dass die Leitung der Moravian Church nach diesem Besuch konkrete Maßnahmen einleiten wird, um aus diesen Gesprächen Konsequenzen für künftiges Handeln und Planen zu ziehen.
Eine besondere Konfrontation mit der Apartheid-Geschichte des südafrikanischen Staates bietet das Programm am Montagmorgen (22. August). Wir besuchen die alte theologische Kaderschmiede der Apartheidpolitik in der Universität von Stellenbosch. Hier wurden die theologischen Grundlagen für die Apartheidpolitik gelegt. Hier nahm aber auch das Wunder der Wandlung des südafrikanischen Staates im Grunde seinen Anfang. Denn im Jahr 1939 absolvierte Beyers-Naudé die theologische Ausbildung am Theologischen Seminar von Stellenbosch. Im Anschluss an diese Ausbildung wurde er zum härtesten theologischen Kritiker der Apartheidpolitik, vor allem in seiner Funktion als Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates (SACC). Beyers-Naudé hat viele Theologen im Widerstand gegen die Apartheid geprägt und die wesentlichen Grundlagen für einen theologisch begründeten Widerstand gelegt und damit auch wesentlich in den ANC hinein gewirkt. Ihm zum Gedenken wurde die Theologische Fakultät in Beyers-Naudé-Institut umbenannt. Wir haben die Möglichkeit, die Räumlichkeiten dieses Instituts zu besichtigen, einiges über die Geschichte des traditionsreichen Instituts zu erfahren (besonders berührend die Bilder von Gerhard von Rad, Hermann Gunkel und Martin Noth im Seminarteil für die biblische Theologie). Wir nehmen für eine Stunde an einem zwischen den Evangelischen Akademien Arnoldshain und Bad Boll und der Theologischen Fakultät von Stellenbosch gemeinsam veranstalteten Seminar über Gender und Gerechtigkeit unter ökonomischen Aspekten teil und hören ein Referat einer Professorin vom Beyers-Naudé-Institut, die über die Folgen der Globalisierung für die Frauen in Südafrika spricht und die Notwendigkeit einer die Globalisierung kritisch befragenden öffentlichen Reich-Gottes-Theologie herausstellt. Im Anschluss an dieses Referat besteht noch die Gelegenheit, die Innenstadt von Stellenbosch mit ihrer holländischen Prägung zu erkunden.
Immer wieder überraschen uns, gerade auch beim Besuch in Stellenbosch, die Parallelen zwischen der südafrikanischen und der deutschen Situation. Beide Länder haben in den Jahren 1998 bzw. 1990 einen grundlegenden Wandel erlebt, und immer wieder hören wir die Formulierung, Südafrika sei ein Land im Übergang (a state in transition). Wir hören, wie Menschen grundlegende Einstellungen verändern, wie sich wirtschaftliche Prozesse verändern, wie sich der Stolz auf eine der modernsten Verfassungen der Welt mischt mit der Sorge um die Zukunft dieses Landes, das durch AIDS und eine hohe Kriminalität und zunehmende Korruption bedroht wird. Ein Land im Übergang – dieses Stichwort spiegelt uns unsere Situation in Deutschland wider. Noch lange ist die deutsche Einheit nicht vollendet. Den Chancen der Vereinigung stehen die Ängste großer Teile unserer Bevölkerung entgegen. In Südafrika hören wir immer wieder, dass es wohl mindestens eine Generation dauern wird, bis die Spuren der Apartheid überwunden sein werden. Ähnlich wird auch in Deutschland erst in der nächsten oder übernächsten Generation die Einheit in den Köpfen und in den wirtschaftlichen Bedingungen wirklich vollendet sein. Prozesse des Übergangs in einem fernen Land zu beobachten, ermöglicht die Chancen, die eigenen Transformationsprozesse kritisch zu betrachten. Und noch eine Parallele am Rande: Südafrika freut sich auf die Fußballweltmeisterschaft 2010 – so wie Deutschland auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 gespannte Erwartungen richtet.
Ein zweistündiger Flug bringt uns von Kapstadt nach Durban und eine anschließende viereinhalbstündige Autofahrt in das Gebiet von Kwazulu Natal in die Gemeinde von Bischof Eagle Ndabambi und in dessen Bischofssitz Matatiele. Bischof Ndabambi war von 1983 bis 1985 als Referent im EMS in Stuttgart tätig und verfügt über hervorragende Deutschkenntnisse, sodass wir während der langen Autofahrt und bei dem wohlschmeckenden Abendessen mit seiner Ehefrau eine Unterhaltung auf Deutsch führen können, was nach den Tagen eines sehr anstrengenden in englischer Sprache geführten Dialogs eine Erleichterung darstellt.
In einer Bed and Breakfast-Unterkunft in Matatiele finden wir ein vorzügliches Nachtquartier. Bei wunderbar blauem Himmel erwachen wir am Dienstagmorgen (23. August). Erfrischt durch den wunderbaren Blick hinüber zu den über 3.000 Meter hohen Drakensbergen machen wir uns auf zu Begegnungen in eine der ärmsten Regionen Südafrikas. Zunächst besuchen wir in Masangane das Hilfsprojekt für HIV-Infizierte unter der Leitung von Zoliswa Magwentshu, einer selbst HIV-Infizierten, die über ihre eigene schwere Erkrankung den Weg hinein in diese Initiative gefunden hat und nun mit großer Sachkenntnis, ungeheurem Engagement und persönlicher Leidenschaft die Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung von Matatiele leistet. 90 % der Erkrankten sind Frauen, viele von ihnen in jungen Jahren infiziert. Etwa 80 Frauen erhalten regelmäßig retrovirale Medikamente, die als Generika in Südafrika zu einem auf 30 % reduzierten Preis erhältlich sind. Mittels dieser Medikamente gelingt es, den Zeitpunkt zwischen der HIV-Infektion und dem Ausbruch der AIDS-Erkrankung beträchtlich hinauszuschieben. Ferner wird diese Medikamentierung auch bei vielen infizierten Kindern angewendet, die häufig schon in jüngsten Jahren AIDS-Waisen sind. Wir können die Besprechungszimmer und die Räumlichkeiten der Arztpraxis besichtigen und lassen uns umfassend über die Arbeit dieser Initiative informieren, die vom EMS finanziell gefördert wird.
Nach diesem sehr eindrucksvollen Besuch in Masangane besuchen wir das Büro von Bischof Eagle Ndabambi, ein sehr bescheidenes Haus mit angrenzender kleiner Kirche, in der die Sitzungen der Kirchenleitung stattfinden. Hier treffen wir auch auf den zweiten Vizepräsidenten der Moravian Church, Pfarrer Dube, Pfarrer der Gemeinde Zincuka, die eine Partnerschaft mit Heidelberg-Kirchheim unterhält. Gemeinsam mit einem der Ortspfarrer diskutieren wir Fragen des Pfarrernachwuchses, Probleme der Pfarrerversorgung der Gemeinden und der theologischen Ausbildung der Pfarrerschaft der Moravian Church. Nach einem informativen Rundgang durch Matatiele machen wir einen kleinen Abstecher zur Gemeinde Maluti, wo wir eine weitere Kirche der Moravian Church und eine Gesundheitsstation besuchen. Immer wieder ist es die HIV-Problematik, der wir bei diesen Besuchen begegnen.
Die dann anschließende Autofahrt nach Pietermaritzburg wird zu einer Fahrt mit etlichen Tücken. Nach 75-minütiger Fahrt ist der VW-Bus, den Bischof Ndabambi steuert, offensichtlich fahruntüchtig: Kupplungsschaden. Glücklicherweise ereilt uns dieser Schaden in der einzigen größeren Ortschaft, die wir passieren, an einer Ampel und sogar vor einer Autowerkstatt und neben einem Autoverleih (Ndabambi: God provides!). So gelingt es, in kurzer Zeit das Auto zur Reparatur anzumelden und zugleich einen Pkw zu mieten, der die ausreichende Größe für unser Gepäck und für fünf Personen hat. Auf bergiger und zuweilen kurvenreicher Strecke geht es bei herrlicher Sicht, die einen weiten Blick über das Land ermöglicht, nach Pietermaritzburg, wo wir in der Kenosis-Kommunität unser Nachtquartier haben. Dort haben wir ein sehr informatives Gespräch mit dem Gründer der Kommunität, Professor Gunther Wittenberg und seiner Frau Monika, deutschstämmigen Südafrikanern, die aus der Bethel-Mission stammen, in Deutschland ihre Ausbildung absolviert und dann später die südafrikanische Staatsangehörigkeit erworben haben. Wittenbergs sind in der Anti-Apartheid-Arbeit von Anfang an sehr aktiv gewesen. Professor Wittenberg war als theologischer Lehrer für Altes Testament an der Ausbildungsstätte in Pietermaritzburg tätig und gründete vor zehn Jahren die Kenosis-Kommunität, die auch von drei Schwestern der Christusbruderschaft Selbitz unterstützt wird und die auf einem Berg unweit von Pietermaritzburg einen Kindergarten mit mehr als 50 Plätzen unterhält, Arbeit mit verwaisten Kindern durchführt und als Tagungsstätte für kirchliche und nichtkirchliche Gruppen sehr beliebt ist. Wir werden von Pfarrerin Elke Carrihill über die Schwerpunkte der Arbeit in diesem Zentrum informiert, auch darüber, dass in der Kenosis-Kommunität junge Mädchen ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren können; auch junge Frauen aus EMS-Gliedkirchen waren hier schon als Freiwillige eingesetzt.
Im Gespräch mit den Wittenbergs gelingt es in differenzierter Weise, die Wandlungen des Staates Südafrika nach 1994 zu diskutieren. Es besteht ein Konsens darüber, dass die so genannte „kleine Apartheid“ vollständig überwunden ist, dass die Folgen der Apartheid sich aber insbesondere daran zeigen, dass die Schere zwischen Arm und Reich und damit die Schere zwischen Weißen bzw. einigen privilegierten Farbigen und Schwarzen und einer großen schwarzen Mehrheit immer weiter auseinander geht. Das Hauptproblem in Südafrika sieht Professor Wittenberg nicht so sehr in der anwachsenden Kriminalität, sondern in der zunehmenden Korruption, die das Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben droht. An diesem Abend ist es besonders ermutigend, auf vielfältige Beziehungen zwischen den Apartheid-Gegnern in Südafrika und unseren deutschen Unterstützungsgruppen der 80er Jahre zu stoßen bzw. Beziehungen, die uns bisher nicht bekannt waren, zu entdecken. So sind es insbesondere immer wieder die Beziehungen zwischen den apartheidkritischen Weißen in Südafrika zu Ulrich Duchrow in Heidelberg und zu der von ihm initiierten Südafrika-Arbeit von Theo Kneifel, die Erwähnung finden.
Nach einer mehr als eineinhalbstündigen Fahrt von Pietermaritzburg nach Durban und einem sehr schönen einstündigen Flug erreichen wir Johannesburg, wo wir im Kempton Park Conference Centre der Lutheran Church untergebracht sind. Dieses Zentrum mit 38 Betten und einer großen Kapazität für Tagungen ist unweit des Flughafens verkehrsgünstig und in unmittelbarer Nähe eines schönen Sees malerisch gelegen. Von diesem Konferenzzentrum aus sind in Johannesburg zwei Besuche geplant, die uns in besonderer Weise nochmals die Aufarbeitung der Apartheid und die Wandlungen des südafrikanischen Staates und der Rolle der Kirche in diesem Staat nahe bringen sollen. Zunächst besuchen wir den Südafrikanischen Kirchenrat (SACC) im Khotso House, das 1988 Ziel eines Bombenanschlags der Sicherheitskräfte war und in dem sowohl Desmond Tutu, Frank Chikane, Christian Beyers-Naudé und Wolfram Kistner wirksam ihre theologische Arbeit im Kampf gegen die Apartheid geleistet haben. Im Gespräch mit Eddie Makue, dem stellvertretenden Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates, und Desmond Lesijame geht es zum einen um die Rolle des Südafrikanischen Kirchenrats im neuen Südafrika, zum anderen um das von EED großzügig unterstützte ESSET-Projekt. Im Gespräch wird deutlich, dass mit der neuen Verfassung Südafrikas das Land nun ein säkularer demokratischer Staat ist, in dem die Kirchen ihre Rolle erst neu finden müssen. Während in der Zeit des Apartheid-Regimes die Gegnerschaft gegen dieses Regime für den SACC auch die Themen vorgab, sind nun sehr viele ehemalige Mitarbeiter des SACC und der Kirchenleitungen selbst in staatlichen Institutionen oder in Nichtregierungsorganisationen nach Chapter IX der Verfassung tätig. Dieses enge Geflecht von Christen in politischer Verantwortung und in der Leitung der Kirche führt dazu, dass es für die Kirchen zunehmend schwer wird, ihr Gegenüber zum Staat deutlich zu definieren. Hier zeigt sich eine deutliche Parallele zur deutschen Situation, die mit der Wende von 1989 besonders den in den Kirchen der DDR, aber auch in westlichen Gliedkirchen Tätigen eine vom Evangelium gebotene klare Positionierung gegenüber dem Staat unmöglich machte und die wie in den südafrikanischen Kirchen angesichts der Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklungen zu einer deutlichen Privatisierung und Individualisierung der Verkündigung geführt hat. Die hauptsächliche Aufgabe sieht der SACC in seinem Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft im Blick auf Gerechtigkeit und Moral. Insbesondere sind die Stärkung der Frauen, die vor allem die Folgen der Armut zu tragen haben, und der Jugendlichen, die infolge der hohen Arbeitslosigkeit in besonderer Weise auch gesundheitlich gefährdet sind, die Behandlung der Migrantenprobleme (allein drei Millionen Migranten aus Zimbabwe und eine Million aus Mozambique leben in Südafrika) und eine zu mehr Gerechtigkeit führende Landreform wichtige Anliegen. Im Projekt ESSET geht es darum, in breiter Weise Verantwortliche in den Kirchen und in den Nichtregierungsorganisationen ökonomischen Sachverstand zu vermitteln. Nachdem politische Freiheit in Südafrika erreicht ist, ist es nun wichtig, die wirtschaftlichen Prozesse nicht den freien Kräften des Marktes zu überlassen, sondern ethisch verantwortlich zu gestalten. Die ESSET-Programme sind als Programme einer umfassenden ökonomischen Alphabetisierung zu verstehen. Die Unterstützung dieser Programme durch den EED wird von den Verantwortlichen in höchsten Tönen gelobt. Wörtlich: „Es ist eine Freude, mit dem EED zusammenzuarbeiten.“
Den Abschluss des Tages bildet ein Besuch bei Wolfram Kistner, einem langjährigen Mitarbeiter von Beyers-Naudé im Südafrikanischem Kirchenrat. Wolfram Kistner war mehrfach Opfer staatlicher Zwangsmaßnahmen. Kurze Zeit saß er in Haft. Immer wieder wurde seine Arbeit durch die staatlichen Sicherheitskräfte beobachtet und es wurde mehrfach in seine Wohnung eingebrochen. Wolfram Kistner ist jetzt über 80 Jahre alt und von einer unglaublichen geistigen Regsamkeit. Er war einer der wesentlichen Initiatoren des ESSET-Programms, und wir erörtern mit ihm die politische Lage in Südafrika nach der Wende von 1994. (Dieses Datum wird meist genannt, da erst 1994 die ersten freien Wahlen waren, obwohl die Wende sich mit der Freilassung Mandelas 1990 einleitete.) Mit dem Wandel der Gesellschaft hat sich auch die Arbeit des SACC in Kistners Augen grundlegend gewandelt. Statt starker Führungspersönlichkeiten, die den Widerspruch gegen das Apartheid-Regime öffentlich und wirksam formulieren konnten, ist nun eine Arbeit angesagt, in der vor allem die Mitgliedskirchen des SACC zu einer Basisarbeit innerhalb des demokratischen Systems befähigt werden. Besondere Ansatzpunkte sind die Bekämpfung der Armut und die Hilfe für die unzähligen HIV-Infizierten. Schockierend war die Mitteilung, dass in Rustenberg, einem Gebiet mit einer hohen Zahl von Minenarbeitern, der Prozentsatz der AIDS-Infizierten bei 80 bis 90 % liegt.
Neben der Arbeit des Südafrikanischen Kirchenrats werden im Gespräch mit Pfarrer Kistner auch Fragen der Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche erörtert, wobei Kistner die ökumenische Situation in Südafrika weit positiver beurteilt als den katholisch-evangelischen Dialog in Deutschland. Die gemeinsamen Herausforderungen im südafrikanischen Staat erfordern eine große Gemeinsamkeit zwischen Katholiken und Protestanten. Andererseits berichtet Kistner über große Schwierigkeiten, die vorhandenen Strukturen innerhalb der protestantischen Kirche zu verändern. So ist eine Vereinigung der schwarzen und der weißen lutherischen Kirche ELCSA derzeit nicht in Sicht. Andererseits verändert die weiße lutherische Kirche ihr Gesicht dadurch, dass viele Gemeinden nun schwarze Gemeindeglieder aufnehmen, die zum großen Teil zur kleinen privilegierten schwarzen Ober- und Mittelschicht gehören. Dadurch geht der schwarzen lutherischen Kirche viel von ihrer Finanzkraft verloren.
Im Mittelpunkt der Gespräche mit Wolfram Kistner steht natürlich eine Reflexion der gemeinsamen Anti-Apartheid-Arbeit in den 80er Jahren und damit verbunden ein Dank der badischen Delegation für das, was Kistner für die badischen Initiativen in diesem Bereich bedeutet hat. Die Begegnung mit diesem bescheidenen, zerbrechlich wirkenden, starken Glaubenszeugen gehört gewiss zu den Höhepunkten der Südafrikareise.
Am Schlusstag (25. August) steht ein Besuch der Evangelisch-Lutherischen Friedenskirche Hillbrow auf dem Programm. Diese ehemals weiße deutsch sprechende Gemeinde hat sich durch das intensive und gezielte Wirken des Pastorenehepaars (der Tochter von Gunther und Monika Wittenberg) zu einer überwiegend schwarzen Gemeinde gewandelt. Es findet nach wie vor ein deutschsprachiger Gottesdienst statt, der nur von wenigen deutschsprachigen Südafrikanern besucht wird. Das Gemeindeleben expandiert und blüht vor allem aber wegen der starken Partizipation schwarzer Gemeindeglieder. Bei unserem Besuch werden uns eindrucksvolle Projekte einer Gemeinwesenarbeit in einem der sozialen Brennpunkte Johannesburgs dargestellt. Der Stadtteil Hillbrow war früher einer der vornehmsten Stadtteile von Johannesburg; nach dem Zuzug Schwarzer wurde er zur „grauen Zone“ erklärt und später von den Weißen völlig aufgegeben. Heute ist er ein sozialer Brennpunkt. Auf einer Fläche von einem Viertelquadratkilometer leben 200.000 bis 300.000 Menschen. Die Kriminalitätsrate ist sehr hoch. Für Weiße ist es höchst gefährlich, sich auf der Straße ohne Begleitung aufzuhalten. In dieser Region wird an der Friedenskirche Gemeinwesenarbeit für junge Menschen durch Theater und Musikprojekte, eine intensive Begleitung von HIV-Infizierten und eine starke Frauenarbeit durchgeführt. Frauen gestalten auf künstlerische Weise Wandbehänge und Tücher, die sie verkaufen, und werden dabei handwerklich ausgebildet und selber zu Ausbilderinnen weiter gebildet. Einer der Wandbehänge aus der Friedenskirche wird im nächsten Jahr in der Liturgie des Weltgebetstages der Frauen Verwendung finden. Wir werden zugleich informiert über ein eindrucksvolles Projekt in Alexandria, einem Stadtteil von Johannesburg, der in den 80er Jahren oft in den Schlagzeilen war. Hier baut der Staat neue Wohnungen, und die Gemeinde vermittelt AIDS-Waisen in Pflegefamilien, die in diesen neuen Wohnungen untergebracht werden – pro anerkannter Pflegemutter bis zu fünf Kindern. Diese Gemeinwesenarbeit der Gemeinde an der Friedenskirche und der benachbarten Gemeinden der ELCSA-NT (Evangelisch-Lutherische Kirche Natal Transvaal) würde eine starke Unterstützung verdienen.
Im Stadtteil Hillbrow liegt das ehemalige Gefängnis von Johannesburg, in dem auch Nelson Mandela inhaftiert war und das heute einerseits zu einem interessanten Informationszentrum umgebaut wurde. Andererseits wurde auf dem Gelände dieses Gefängnisses das Verfassungsgericht errichtet. Die Steine des Gefängnisses wurden in die Außenwände des Verfassungsgerichts integriert. Einige Fragmente der Gefängnismauern blieben erhalten, und auf dem Dach des Verfassungsgerichts wurde ein Turm in der Größe einer Gefängniszelle installiert. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie es der südafrikanische Staat versteht, seine Vergangenheit zu bearbeiten und zu integrieren. Ein Vergleich zur Vernichtung der Zeichen der deutschen Teilung in Berlin drängt sich auf. Ganz anders als in Südafrika sind dort fast alle Spuren der Mauer, die Berlin einst trennte, beseitigt worden. Für uns eine Anfrage daran, wie wir als Deutsche mit unserer Vergangenheit umgehen. Im Gespräch mit den Mitarbeitern in der Friedenskirche wird uns erläutert, dass dieser verantwortungsvolle Umgang mit der Vergangenheit damit zusammenhängt, dass die Südafrikaner in einer besonderen Beziehung zu ihren Ahnen stehen und die Frage, woher sie kommen, für die Gestaltung ihres eigenen Lebens von essenzieller Bedeutung ist.
"Ein Staat im Übergang" – zu diesem Thema passt unser abschließender Besuch des Vortrekker-Denkmals zwischen Johannesburg und Pretoria, ein eindrucksvolles, aber ästhetisch höchst fragwürdiges Monument, das an den Burenzug und die Burenkriege gegen die Ureinwohner Afrikas erinnert. Der neue südafrikanische Staat hat dieses Denkmal aus dem Jahr 1949 um ein eindrucksvolles Museum erweitert, in dem die Geschichte der Buren in die Geschichte Südafrikas integriert ist. Auch hier wiederum wird deutlich, dass nicht aus der Verdrängung der Geschichte die Kraft zur Gestaltung der Zukunft erwächst, sondern aus der Bearbeitung der Geschichte.
"Südafrika - ein Staat im Übergang" – das war das heimliche Thema dieser Besuchsreise und für uns als deutsche Besucher eine ständige Anfrage daran, wie wir Wandlungsprozesse in unserem Land so gestalten, dass das geschichtliche Erbe wirklich bearbeitet und aufgearbeitet und in gegenwärtige politische Praxis und Planung für die Zukunft integriert wird. In Südafrika haben wir jedenfalls einen Staat und Kirchen kennen gelernt, die um das schwere Erbe ihrer Vergangenheit wissen, die dieses Erbe kraftvoll bearbeiten und voller Stolz auf das weithin gewaltfrei errungene Neue sich den Aufgaben der Zukunft stellen. Immer wieder wurde bei unseren Gesprächen deutlich, dass diese Haltung nicht denkbar wäre ohne die christliche Prägung dieses Landes und der in diesem Land Verantwortung Tragenden. Südafrika ist heute ein säkularer Staat, der aber die Kraft zur Bearbeitung anstehender Herausforderungen aus seinem christlichen Erbe bezieht.






